Archiv der Kategorie: Allgemein

Just another day in Paradise

Wieder einer von diesen Tagen, wo du denkst, du hast alles, wirklich alles, richtig gemacht. 

Morgens die Zähne geputzt, inklusive Zunge – weil gerade da sind die richtig bösen Bakterien! -,  dreißig Minuten gesportelt, der mexikanischen Kassiererin beim Truckstopp dein bestes Lächeln geschenkt – obwohl Mexiko weiter ist und Deutschland nicht -, und bei deinem eisgekühlten Drink wegen der Schildkröten und all‘ dem anderen Getier auf den Strohhalm verzichtet.

Du hast auf der Leerfahrt von Phoenix über Tucson nach Nogales allen Kollegen und PKW’s Platz gemacht und den Kindern in den Autos, die dir bescheuert zugewunken haben, artig zurück gewunken. Weil du ein netter Trucker bist, und nette Trucker tun sowas.

DSCF3827.jpg

Really?

Dann Einchecken bei den Muchachos im Warehouse. Drei Kilometer nördlich der Trump-Mauer in Nogales, Arizona. Deine Pickup-Nummer hat irgendwo einen Zahlendreher, und das ist gar nicht gut. GAR NICHT GUT. Deine bisher gute Tageslaune erfährt eine 180-Grad-Wendung – ebenso dein Blutdruck, in die entgegengesetzte Richtung. Wenn die Pickup-Nummer nicht passt, geht es dir wie ‚Die Mannschaft‘ beim Spiel gegen Korea: Hier ist Endstation!

To make a long story short – wer ohne passende Pickup-Nummer daherkommt, der kriegt auch keine Weintrauben. Und auch nix Anderes. Also warten bis morgen, wenn Dispatch und Broker sich wieder ins Büro begnügen, einmal ‚Oops‘ sagen und dann die richtige Pickup-Nummer preisgeben.

Du fährst zum nächsten Truckstopp, schnackst mit einem netten Kollegen aus England, dem du gestern schon in Phoenix begegnet bist und der – ganz ungewohnt! – in seinen Sätzen gänzlich ohne das S- und ohne das F-Wort auskommt. Du kaufst dir zwei ‚Sex on the Beach‘ aus der Dose und wunderst dich, was mit den versprochenen 10 Prozent Alkohol darin passiert ist.

Just another day in paradise.

Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 10

Sommer 2010

Meine Eltern sind zu Besuch. Der erste Nordamerika-Trip der Beiden überhaupt. Gleich nach der Ankunft – den Jetlag noch in den Knochen – geht’s für Vater Wolfgang mit dem Truck nach Vancouver. Will sagen: Vater-und-Sohn-Tour. Zurück durch Southern British Columbia nach Calgary, dort ein bisschen hin und her. Schließlich nach Hause, nach Spruce Grove. Weiterlesen

Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 9

Mai 2010

Wir haben die Permanente Aufenthaltsgenehmigung für Canada! Wir sind jetzt Landed Immigrants.

Was vor drei Jahren mit dem Satz ‚Schatz, lass uns doch nochmal über Canada reden!’ begann, hat am vergangenen Sonntag seinen offiziellen Höhepunkt erreicht. Wir haben nun den Zusatz Permanent Resident of Canada zu unserem deutschen Pass bekommen.

Weiterlesen

Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 8

Februar 2010

Nun geht’s also los in Vancouver mit den Olympischen Winterspielen. Wenn denn nur das Wetter mitspielt!

Die Nachrichten der letzten Tage waren betreffend der Olympiade mit einer gehörigen Portion englischem Humor gespickt. Das Dilemma: Es hat zu wenig Schnee am Austragungsort am Pazifik! Weiterlesen

Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 7

Ende 2009 – Der erste kanadische Winter 

Dieses ist der kälteste Blogartikel, den du jemals lesen wirst!

Ich schreibe hier bei minus 30 Grad Celsius, der heutigen Tageshöchsttemperatur. Vergangene Nacht waren es minus 38 Grad. Kleiner Trost: bei minus 40 Grad endlich ist es egal, ob du von Celsius oder Fahrenheit sprichst – ist bei dieser Temperatur tatsächlich das Gleiche.

Weiterlesen

Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 6

Der mit dem Truck fährt

Was macht der Oberharzer Trucker, wenn der Elch partout nicht von der Straße gehen will?

Diese und ähnliche Fragen gilt es derzeit zu beantworten. Ja im Ernst: ein ausgewachsener Elch ist durch seine schlaksige Art, mit der er läuft, nicht gerade ein elegantes Tier. Steht er dann noch auf der Straße und schaut dich an, dann kann man – mit etwas Hingabe – die Gedanken dieses Tieres lesen:

‘Was guckst du?’

Weiterlesen

Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 5

Schwermut

Mein Arbeitgeber lässt mich erst im Oktober anfangen zu arbeiten. Es gebe nicht genug Aufträge, so sagt er. Derzeit gibt es jedoch viele Signale, dass beide nordamerikanischen Länder die Talsohle der Rezession hinter sich gelassen haben. Öl, unser wertvollster Rohstoff, macht vieles möglich.

Gestern stand in der Zeitung, dass es kanadischen Arbeitnehmern zukünftig wieder bessergehen wird. Die Provinzen Alberta, British Columbia und Ontario wachsen wirtschaftlich überdurchschnittlich.

Glück gehabt, wir wohnen in Alberta.

So bleibt für mich noch unverhofft Zeit, jenseits des Truck-Fahrens Ausschau nach Jobs zu halten. Heute war ich bei einem Vorstellungsgespräch in einem Übersetzungsbüro um die Ecke, die Stelle nennt sich Project Manager. Die Leute dort waren angetan, mal sehen, was wird. Morgen habe ich ein Gespräch mit einem Ski Resort in Edmonton, die suchen einen Service Manager. Nicht nur für den Winter, sondern fürs ganze Jahr. Komisch eigentlich.

buggy

Heute gab es nach 10 Tagen den ersten Regen. Für 10 Minuten. Es ist jetzt der erste Abend, wo es von 40 Grad Celsius (im Ernst, und ja: wir reden von Kanada!) auf 20 runtergekühlt ist. Einzig die Nächte werden nunmehr kalt, mit unter 10 Grad.

Bevor die Schule begann, hatten wir eine Reise an den Pazifik unternommen. Eine runde Sache: Whale-Watching, Flugboot-Fliegen, Olympia-Ski-Abfahrten in Whistler angucken und die ein oder andere Wanderung durch die Canadian Rockies. Das Land ist groß, und jede Reise ist zu kurz, um Kanada jemals ganz erleben zu können. Der Zelt-Wohnwagen – ausklappbare Betten, eng, wackelig – hat nicht jedem aus der Familie zugesagt. Aber darauf kommt es am Ende nicht an.

Wir vermissen vieles hier und haben unsere Krisen.

Vielleicht die ein oder andere, die wir ohne Auswanderung nicht gehabt hätten. Vor allem vermissen wir die Menschen, die wir in Deutschland um uns herum hatten. Familie und Freunde, die deutsch sprechen, und das nicht nur übers Telefon.

land.jpg

Somewhere USA

land1

Somewhere Canada

Eines Abends sitze ich mit einem Glas Whisky in der Hand auf unserem Sofa, Bianca bringt gerade die Kinder ins Bett. Ich erinnere mich an einen Abend vor etwa zwei Monaten, als ich es war, der die Kinder zu Bett brachte. Damals, ein paar Tage vor dem Flug von Frankfurt nach Vancouver, zog ich unserem Sohn Hendrik die Bettdecke unters Kinn und fragte eher beiläufig, was er denn von dieser Auswanderung nach Kanada hielte.

„Papa, ich weiß, dass Mama und du das so beschlossen haben. Das mit Kanada.“

Und weiter: „Ich bin euer Kind und kann nichts dagegen machen, wenn wir dahingehen. Alles was ich weiß, ist, dass ich hier in Altenau meine Freunde habe, dass hier Oma und Opa wohnen, dass ich hier im Ort und im Wald alle guten Fahrradwege kenne und gute Jumps und gute Kurven, die so richtig Spaß machen. In Kanada sprechen alle Kinder und alle Erwachsenen eine andere Sprache, alle sprechen Englisch. Sie verstehen nicht, wenn ich ihnen antworte. Weil ich, ich spreche Deutsch. Ich kenne keine guten Fahrradwege durch den Wald in Kanada. Ich kenne nichts da drüben. Gar nichts. Egal was ich dir sage, Papa, wir gehen sowieso dahin. Mama und du haben das so abgemacht.“

Ich küsste meinen elfjährigen Sohn auf die Stirn, sagte Gute Nacht, ging ins Wohnzimmer und schenkte mir einen Whisky ein. Ich setzte mich aufs Sofa und dachte darüber nach, welch weitreichende Veränderungen wir mit diesem Schritt unseren Kindern zumuten. Wir nehmen ihnen alles, einfach alles, was sie kennen. Wir berauben sie eines ganzen kompletten Lebens in dem Land, wo sie geboren wurden. Wir machen ihnen Angst um das, was auf sie zukommt, nehmen ihnen die Geborgenheit eines vertrauten Heims und zerren sie mit in ein Land, dessen Menschen sie nicht verstehen können.

Unsere Kinder spürten in diesen Tagen zu jeder Stunde unsere eigene Unsicherheit; spürten, dass ihre Eltern sich da auf ein Abenteuer einlassen, dessen Ausgang nicht abzusehen ist. Unsere Kinder spürten, dass hier eine von ihren Eltern gewollte Veränderung auf sie zukommt, die kaum größer und weitrechender sein konnte.

bianca und steve

Denn sie wussten nicht, was sie tun … oder vielleicht ein kleines bisschen.

Plötzlich kam ich mir endlos elend und schlecht vor. Was für ein grausiger Vater war ich nur? Welche Eltern taten so etwas? Ich nahm einen kräftigen Schluck aus dem Whiskyglas und wusste bald nicht mehr, ob die feuchten Augen vom Whisky oder von meiner plötzlich über mich hereinbrechenden Melancholie kamen.

[2017: Mittlerweile sind unsere Kinder 19 und 17 Jahre alt und nicht am Leben in Kanada gescheitert. Jüngst sagte Hendrik zu uns: ‚Going to Canada with us was the best move you ever made. Best parents ever – love you guys!‘]

Have a good one – whereever you are.