Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 10

Sommer 2010

Meine Eltern sind zu Besuch. Der erste Nordamerika-Trip der Beiden überhaupt. Gleich nach der Ankunft – den Jetlag noch in den Knochen – geht’s für Vater Wolfgang mit dem Truck nach Vancouver. Will sagen: Vater-und-Sohn-Tour. Zurück durch Southern British Columbia nach Calgary, dort ein bisschen hin und her. Schließlich nach Hause, nach Spruce Grove.

Was soll ich sagen? Wir beide haben eine tolle Zeit zusammen. Familie kann auch transatlantisch funktionieren, wenn man es nur will.

Mutter Regina verwöhnt derweil die Enkelkinder und lässt sich von denen in die Geheimnisse der englischen Sprache einweihen. Schulbesuche und Aussprache mit dem Lehrkörper über die Entwicklung der Enkelkinder inklusive. Da wäre ich gerne mit dabei gewesen – der Englischunterricht meiner Mutter ist schon eine Weile her.

Kaum zurück vom Trucken muss Opa Wolfgang noch schnell eine ‚Egg-Smash-Machine‘ (= Eier-Zerschlag-Maschine) mit seiner Enkeltochter anfertigen. Wozu das? Nach Lehrplan war gefordert, eine mehr-oder-weniger nützliche Maschine zusammen mit einem Familienmitglied zu entwerfen. Also passt das gerade prima mit Opa aus Deutschland. Lena jedenfalls bekommt eine Eins für ihre Konstruktion! Kein Wunder: Mein Vater ist von Haus aus Ingenieur und German Engineering war hier schon immer hoch im Kurs.

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Die Rockies: Fast so schön wie die bayrischen Alpen.

Dann ein 5-Tages-Trip mit den Eltern durch die Canadian Rockies. Icefield Parkway, die übliche Tour für alle Canada-Besucher, die den Westen bereisen. Wir lassen es uns gut gehen, eine wertvolle und intensive Zeit für alle Beteiligten.

Im Sommer nun ist Wiedersehen in Deutschland. Bianca fliegt mit den Kindern Anfang bis Ende Juli in die alte Heimat – ich derweil mache den Abwasch, gieße die Blumen und fahre mit dem Truck spazieren.

Da wir nun mit unseren 10 Monaten hier genügend Vertrauen bei den Banken aufbauen konnten, dürfen wir seit kurzem für einen Hauskredit vorsprechen. Auch läuft der Mietvertrag für unser jetziges Heim im Sommer aus. Das neue Haus ist schon ausgesucht und wurde zweimal besichtigt. Am Mittwoch kommt der Gutachter. Das Haus ist 25 Jahre alt und man weiß ja nie, was der Fachmann an Informationen noch so aus dem Hut zaubert.

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Der Garten ist etwa so groß wie der hinter unserem Haus in Altenau, damit für kanadische Verhältnisse eine Riesenfläche. Wir haben dort 3 Schlafzimmer, Büro, Familienraum, Wohnzimmer inkl. Eßzimmer und einen für deutsche Ohren etwas befremdlichen Straßennamen: Goebel Close.

Herr Goebel war ein amerikanischer Politiker, das nur mal nebenbei.

Wenn wir mit dem Hausumzug fertig sind, werden wir nicht wirklich über andere Jobs nachdenken. Das könnten wir ja nun, da wir als Landed Immigrants, die wir seit vergangenen Sonntag sind, jeden Job hier annehmen dürfen und ich nicht mehr als Trucker arbeiten müßte. Aber sooo eilig ist es damit nicht, es ist durchaus zum Aushalten mit dem, was wir derzeit tun.

Hier in Kanada zeigen die Ortseingangsschilder oft nicht nur den Namen der jeweiligen Stadt, sondern zudem ein Motto oder einen Sinnspruch, welchen sich die Stadtväter für ihre Gemeinde ausgedacht haben. Und da kam ich letztens durch das recht unscheinbare Städtchen Swift Current in Saskatchewan. Ja richtig: Das heißt etwa soviel wie Schnelle Strömung und es ist auch richtig, daß in dieser Gegend eine Menge Indianer leben. Nebenan liegt der Ort Medicine Hat, zu deutsch Medizinhut, und natürlich – wie könnte es anders sein – steht hier das größte Indianer-Tippi der Welt. Wen es interessiert: googeln hilft; oder – besser noch! – gleich hinfahren.

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Für die längeren Ausritte geht’s mal eben rüber zum Nachbarn USA …

Aber zurück zu Swift Current …

… und seinem Ortseingangsschild. Dieses sagt schlicht und einfach folgendes aus:

‚Swift Current – Where Life makes sense!‘ .

Ist das nicht toll? Ist das nicht selbstbewußt? Wer Swift Current kennt, der weiß:Es gibt viele Orte auf der Welt, wo das Leben sicher mehr Sinn machen könnte als hier. Vor allem im Winter. Aber man stelle sich folgendes vor: ‚Wuppertal – wo das Leben Sinn macht!‘ Das soll jetzt nicht heißen, daß ein Leben in der Stadt an der Wupper ein Paradebeispiel für Verzweifelung und Sinnentwertung sein soll. Und ja, ich habe eine Zeit lang in direkter Nähe zu Wuppertal gewohnt, ich weiß, wovon ich rede! Aber ein derartiges Ortsschild ist so weit entfernt von dem, was man in Deutschland in dieser Hinsicht erwarten dürfte. Nicht nur in Wuppertal.

Ich jedenfalls erkenne dieses und andere Ortsschilder als ein Zeichen, wie selbstbewußt sich nach außen präsentiert werden kann. Hier sollen Familien angelockt werden. Diese Städte in der Prärie werben mit günstigem Bauland, attraktiven Lebenshaltungskosten und Slogans wie den obigen um jeden Zuzügling. Da wird einem schnell wieder bewußt, daß dieses Land – 28-mal so groß wie Deutschland aber noch nicht einmal mit der Hälfte an Einwohnern – eigentlich total leer ist. Die Enstehung vieler Gemeinden ist gerade mal 100 Jahre her. Das heißt auch, daß die Besiedelung Kanadas noch lange nicht abgeschlossen ist. Kanadas Bevölkerung kann sich derzeit noch nicht ausreichend reproduzieren, um zukünftig im Weltgeschehen wettbewerbsfähig zu bleiben.

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Gegend haben wir ja viel hier. Echt viel.

Also bitteschön: Citizenship and Immigration Canada (www.cic.gc.ca) anklicken und artig nach Kanada auswandern.

Have a Good One – Whereever You are.

Ein Gedanke zu „Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 10

  1. Gwen

    Goebel…oh je. Eine wohlklingelnde Adresse gewiss nicht. Wir hatten Probleme mit walisischen Ortsnamen. Manche sind einfach schrecklich wie Ystrad Mynach, oder Merthyr …wir hatten Glück, dass das Ort wo wir uns niederlassen haben schlicht und melodisch „Nelson“ heisst. Gottseidank.

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