Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 9

Mai 2010

Wir haben die Permanente Aufenthaltsgenehmigung für Canada! Wir sind jetzt Landed Immigrants.

Was vor drei Jahren mit dem Satz ‚Schatz, lass uns doch nochmal über Canada reden!’ begann, hat am vergangenen Sonntag seinen offiziellen Höhepunkt erreicht. Wir haben nun den Zusatz Permanent Resident of Canada zu unserem deutschen Pass bekommen.

Wir können jetzt ein Leben lang in Kanada arbeiten, studieren, Spaß haben, Sonnenaufgänge bewundern, die Kinder groß werden sehen, den Rasen mähen, den Müll rausbringen und den Wind auf unserer Haut spüren. Wir können uns betrinken, der Musik hingeben, uns lieben, das Salzwasser des Pazifiks und des Atlantiks schmecken, die Rocky Mountains besteigen, mit Deutschland telefonieren, alt und grau werden. Einfach hier sein und leben.

We are Canadian … Permanent … Residents!

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Hat Aldi auch mal so angefangen?

Und das heißt ab sofort: Auch wir dürfen nun Witze über Neufundländer machen. Für Nicht-Immigranten: die Einwohner Neufundlands – eine Provinz ziemlich außerhalb vom Schuss – müssen hier für sämtliche Ostfriesenwitze herhalten. Außerdem müssen wir ab sofort unser Bier ausschließlich aus der Dose trinken. Wenn es Kanada auch an Kultur mangelt – Dosenbier ist ein entscheidender Teil davon.

Aber eins nach dem anderen:

Dienstag nach Ostern kommt die Aufforderung, unsere Reisepässe und ein paar Unterlagen zur Kanadischen Botschaft nach Berlin zu schicken. Das waren äußerst gute Nachrichten, ist es doch das unbedingte Zeichen für die Verabreichung der ersehnten Aufenthaltsgenehmigung. Vergangenen Mittwoch kommt der Kram wie geplant zurück mit entsprechendem Visum als Voraussetzung für die Permanent Residence. Nach viel Telefoniererei und einem Behördengang nach Downtown Edmonton war klar: Wir müssen das Land verlassen und wieder einreisen, um aus diesem Visum einen voll ausgewachsenen Landed Immigrant zu machen.

Hört sich unglaublich an, ist aber so.

Die Regelung stammt noch aus der Zeit, in der Europäer artig im Heimatland abgewartet haben, und zwar solange, bis sie dieses Visum erhielten. Dann erst wurden die Kinder von der Schule abgemeldet, der Job gekündigt, das Haus verkauft, der Oma ein Knutscher aufgedrückt und das Schiff nach Kanada bestiegen.

DSCF2835.JPGHeute ist das in der Regel anders, da fast alle vorerst mit einer zeitlich-befristeten Arbeitsgenehmigung herkommen und erst dann den Behördenwahnsinn mit der PR, wie die Permanent Residence kurz genannt wird, angehen.

So sind wir also vergangenen Samstag zur längsten Grenze der Welt gestartet, um Kanada auf dem Landwege zu verlassen und kurz danach wieder einzureisen. Sonntag früh haben wir nach über 600 Kilometern unsere sämtlichen Fingerabdrücke, unsere Fotos und 24 US-Dollar abgedrückt und sind in den schönen US-Staat Montana eingereist.

Warum nur der Aufwand, fragt sich der nüchtern-denkende Mitteleuropäer?! Wir hatten viel Zeit, uns diese Frage zu stellen und haben viele Telefonate mit vielen Behördenmenschen geführt. Es lief alles darauf hinaus, dass der entscheidende Stempel nur bei der tatsächlichen Einreise nach Kanada aufgedrückt wird. Wer schon vorher im Lande ist, muss nochmal schnell raus und wieder rein. Bürokratische Willkür oder steinzeitliche Vorschriften?

Vielleicht ein bisschen von beidem.

In Montana haben wir es dann eine gute halbe Stunde ausgehalten. Nicht weil es dort so langweilig ist. Sondern weil wir so aufgeregt waren, nach 14 Monaten Papierkram endlich unsere Immigration abzuschließen. Alles, was wir also in Montana erledigten, war Nervositätsbekämpfung in Form einer Pinkelpause. Dann ging’s zurück an die Grenze.

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Nachts sind sie ja noch hübscher.

Und was sagt der chronisch-unterbezahlte, zum Sonntagsdienst verdonnerte, kanadische Grenzbeamte? ‚Wir sind heute klamm mit Personal. Und überhaupt: Warum lassen Sie den Papierkram nicht woanders und erst recht nicht hier und heute erledigen? Ihre Arbeitsgenehmigungen sind ja ohnehin noch bis Juli gültig?!‘

OK. Ruhig bleiben. Die vergangenen 14 Monate steuerte unser Leben allein auf diesen Augenblick hin. Wir stehen hier wie ein Dackel, der artig Pfote hebt, um sein Leckerchen zu bekommen – und nun das!

Wir diskutieren die Sache dann sehr vorsichtig mit dem sonst sicher in allen Lebenslagen sehr netten Grenzbeamten aus und anscheinend sind wir nicht zu schlecht. Denn tatsächlich: Nach 10 Minuten (in denen ich beinahe wieder mit dem Rauchen angefangen hätte) wurden wir in die heiligen Hallen gebeten und ein weiterer Beamter macht magische Dinge mit seinem PC, sinnlos viele Kopien von unseren mitgebrachten Unterlagen und kann sich bewundernde Bemerkungen über unsere vier deutschen Pässe nicht verkneifen und dann plötzlich BOOOM!

Vier Stück Papier mit perforiertem Rand in unseren Händen. Wir sind mit Datum 2. Mai 2010 als Landed Immigrants in Kanada angekommen. Bianca und ich küssen uns vor Freude noch in der Amtsstube vor dem Beamten und die Kinder denken ‚Wie peinlich ist das denn?‘

Kanada zählt seit diesem Augenblick vier Personen mehr als Einwohner. Wir sind jetzt keine Besucher mehr. Wir sind jetzt Einwohner Kanadas, wo in diesen Tagen die Bären aus dem Winterschlaf erwachen und die Kassiererin beim Wal-Mart dich fragt, wie dein bisheriger Tag so verlaufen ist.

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Die gibt’s wirklich.

Nach diesem Erlebnis der besonderen Art poltern wir in den Duty-Free-Shop nebenan. Eine putzige ältere Dame betreibt diesen und sie hat sicher schon eine Menge Immigranten-Stories gehört. Unsere kennt sie nun auch. Ich weiß gar nicht mehr, ob wir dort irgendwas gekauft haben. Aber an ihre beiden kleinen Dackel kann ich mich noch erinnern.

600 Kilometer zurück nach Hause, mit Nachbars noch eine Flasche Henkell trocken Rose geköpft und ein paar Fotos mit glücklichen Gesichtern und einer kanadischen Fahne im Bild geknipst.

voelkers

Yep – Originalfoto vom 2. Mai 2010 vor unserem damaligen Haus in der Vernon Street. Thanks Ron!

Ja, wir fühlen uns gut heute – glücklich, dass wir hier sein dürfen. Wir sind mit der gesamten Familie da angekommen, wo wir hin wollten. Und das, wenn wir wollen, für immer.

Have a good one – whereever you are.

Ein Gedanke zu „Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 9

  1. Gwen

    Herzliche Glückwünsche in der neuen Heimat. Hauptsache, man ist dort, wo man hin wollte. Und Canada ist sicherlich ein tolles Land. Ich wollte auch einmal hin, doch das war für mich ein bisschen zu weit weg von Europa. Und obwohl ich seit Jahren nicht mehr in Deutschland war, kann ich schnell mal hinfahren. Das beruhigt :-)) Ich kenne Kamchatka Bären, ich war einmal dort, das sind keine kuscheligen Teddy Bären, bitte vorsichtig sein.

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