Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 8

Februar 2010

Nun geht’s also los in Vancouver mit den Olympischen Winterspielen. Wenn denn nur das Wetter mitspielt!

Die Nachrichten der letzten Tage waren betreffend der Olympiade mit einer gehörigen Portion englischem Humor gespickt. Das Dilemma: Es hat zu wenig Schnee am Austragungsort am Pazifik! Ständig müssen schwere Trucks den Schnee aus den höheren Lagen der Rockies nach Vancouver und Whistler karren. Zudem ist es nicht kalt genug. Hier in der Provinz Alberta oder – besser noch! – östlich von uns in Saskatchewan, ist man etwas schadenfroh darüber und schlägt vor, die Spiele hierher zu verlegen.

‚Wir haben zwar keine Berge, dafür wissen wir aber, wie Schnee aussieht,’ so ein Radiosprecher.

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Fundstück der Woche – Aushang aus dem vorletzten Jahrhundert

Das kanadische Team steht gehörig unter Leistungsdruck, gerade beim Hockey. ‘We have the team, but the Russians are really good,’ hört man da. Noch nie hat Canada im eigenen Land Gold im Nationalsport gewonnen. Wäre also mal Zeit jetzt. Leider nur sind Kanada und Deutschland nicht in einer Gruppe beim Hockey, aber vielleicht kommen ja beide weiter und spielen dann doch noch gegeneinander. Mal sehen, wo wir dann ein paar deutsche Fähnchen bekommen. Und falls Deutschland gegen Kanada gewinnt:

Leert die Müllabfuhr am Montag dann noch unsere Tonne hier in Spruce Grove?

Bianca und die Kinder waren im Januar dabei, als das Olympische Feuer durch unsere Stadt getragen wurde. Morgens um sieben Uhr, die ganze Stadt war da. Ein Riesenvolksfest, mit Fähnchen, Leuchtstäben, Nationalhymne. Ich war leider mit dem Truck unterwegs.

Vorsicht, Kanada hat eine neue Schulbus-Fahrerin!

Seit Mittwoch heißt es nun: Bianca and the yellow Schoolbus‘. Meine Frau ist jetzt stolze Busfahrerin eines gelben Schulbusses. Nach 14 Jahren Ehebetrieb verrät sie mir, dass sie eigentlich schon immer mal gerne einen dieser amerikanischen Schulbusse fahren wollte. Ich glaube sogar gehört zu haben, dass sich der Hamburger Vorzeige-Auswanderer Konny Reimann in Texas einen dieser Schulbusse gekauft hat.

Biancas Bus hat Platz für 72 Passagiere, ist damit die Langversion mit der hübschen Schnauze. Dienstag hat sie nach 10 Tagen Training beim ersten Anlauf ihre Fahrprüfung bestanden und fährt seitdem jeweils morgens als auch nachmittags 3 Touren. Mit dem Führerschein darf sie sogar meinen Truck fahren. Naja, solange kein Auflieger dranhängt.

tüv nord

Uups – da flattert doch glatt ein Werbemützchen durchs Bild

Das Gute am Schulbusfahren: Am Wochenende ist frei, genauso in den Schulferien. Irgendwie ja klar. Da die Ladung unvergleichbar wertvoll ist, wurden insbesondere die Sicherheitsvorschriften gepaukt bis zum Umfallen und in der Praxis erprobt. Bus-Evakuierungen, Notausstieg durchs Dach und andere Hollywood-Szenarien sind Dinge, die es zu lernen gilt, wenn man hier Schulbus fahren will. Zudem Pädagogisches, damit der altersgerechte Umgang mit den lieben Kleinen geschmeidig und unmissverständlich läuft.

Ein Grundschüler hat nach zwei Tagen mit Bianca am Steuer gleich all seinen Mut zusammengenommen und seine neue, deutsche Schulbusfahrerin kurzerhand gefragt, ob er sie heiraten könne.

Anders bei den älteren, den High-School-Schülern. Diese sind zu cool, um das ‚Good Morning‘ ihrer Busfahrerin zu erwidern. Ich schlug ihr vor, es doch stattdessen mal mit einem beherzten ‚Glück Auf‘ zu versuchen.

Bianca fuhr vor einigen Tagen mit ihrem Schulbus eine Haltestelle an. Soweit nichts Besonderes. An dieser Haltestelle muss die kleine Maea (gesprochen ‘Maja‘, wie die Biene) aussteigen. Das Mädchen geht in die erste Klasse und für diesen Tag hat sie all‘ ihren Mut zusammengenommen.

trucking

Trucking kann auch schön sein.

Maea geht zum Ausgang des Busses, wie gewohnt. Anstatt sich jedoch einfach von ihrer Busfahrerin zu verabschieden, dreht sie sich auf dem Absatz um, schluckt, räuspert sich und … beginnt zu singen. Ein Weihnachtslied.

Exklusiv für ihre Busfahrerin.

Bianca sitzt auf dem Fahrersitz, die kleine Maea vor ihr, singt ihr dieses Lied. Im ganzen Bus ist Stille, nur die kleine Maea trällert mutig vor sich hin – eine Strophe nach der nächsten. Bis heute weiß Bianca nicht, um welches Stück es sich handelte. Aber – ist das nicht irgendwie auch egal?

Plötzlich der Gedanke an den Fahrplan: gerät dieser bei weiterem Gesinge nicht total durcheinander. Dann aber wird ihr klar: Es ist Weihnachten, und hier steht ein Kind vor dir und singt dir dieses Lied. Egal wie viele Strophen Maea hier runterrattert, egal wie lange das dauert, du hörst dir das jetzt an. Wie oft in deinem Leben kommt es vor, dass dir ein sechsjähriges Mädchen ein kanadisches Weihnachtslied im Schulbus singt? Wen kann da noch die Einhaltung irgendeines Fahrplans interessieren? Also bitte!

Aber nun genug von den Tücken des Schulbus-Fahrens.

Hendrik sagte letztens: ‘Mama, du willst mich zu machen den Abwasch?’

Interessierte Hochleistungslinguisten merken sofort: Ohne lange drüber nachzudenken, hat der Bengel den englischen Satz: ‚Mama, you want me to do the dishes?’ Wort für Wort ins Deutsche übersetzt. Seitdem wissen wir: Mit den Kindern ist es soweit. Sie denken, träumen, streiten, lesen, schreiben in Englisch. Wir sind jetzt ein gutes halbes Jahr hier.

Bianca und ich sind weit und breit die einzige Quelle hier für unsere Muttersprache. Und diese Sprache bleibt stehen. Da kommen keine Wörter, keine Phrasen dazu, die Heranwachsende im Deutschland des 21. Jahrhunderts in die Sprache integrieren. Unsere Kinder sagen Dinge wie: ‚Ist ja geil!‘ – das sagt sicher kein Teenie in Deutschland mehr. Aber … was soll‘s! Die Kinder sind zu beneiden um ihr flexibles Hirn, welches noch nicht so angerostet ist wie unseres. Das Englische setzt sich bei Lena und Hendrik schneller fest als Husten, Schnupfen oder eine Sommergrippe.

Mittlerweile kommen viele Kinder hier zu uns nach Hause zum Spielen und für gelegentliche ‚Sleepovers’. Eine Freundin von Lena, deren Vater Indianer ist, bringt uns jetzt ein bisschen ‚Cree‘ (so heißt auch die Sprache dieses Stammes) bei. Cree ist, du ahnst es schon, der Name des Stamms und so heißt auch deren Sprache.

‚Howw’ steht für ‚Hallo‘ oder auch ‚Grüß Gott‘ oder ‚Glück auf‘!

Aber das wussten wir schon von Winnetou.

Mein Truck hat gestern seinen Geist aufgegeben: großes Loch im Motor! Damit entfiel die Tour nach Vancouver. Die Werkstatt sagt. Den schlachten wir aus, hat ohnehin schon 2 Millionen Kilometer gelaufen und ist Baujahr 2000. Dienstag bekomme ich nun einen neuen. Bin schon ganz aufgeregt!

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Jetzt sind wir über 7 Monate hier in Kanada. Spätestens seit Weihnachten hat es für uns den Flair des Außergewöhnlichen, des Lebens im Anderswo, verloren. Der Geruch von Urlaub und Abenteuer hat Platz gemacht für Normalität, Platz gemacht für einen geregelten Fluss der Dinge und Ereignisse. Auch das offizielle Ergebnis unserer medizinischen Prüfung für den Antrag auf eine Permanente Aufenthaltsgenehmigung liegt nun vor: Ohne Beanstandungen.

Wir sind damit fit genug für Kanada, für ‚The True North‘, wie sich dieses Land gerne und irgendwie auch zutreffend nennt.

Nun dürfen wir tatsächlich auf die ‘Permanent Residence’ hoffen. Rechnen können wir damit in den nächsten paar Monaten, die Botschaft lässt sich gerne Zeit bei sowas.

Und nun noch etwas aus der Rubrik ‘Kanadisch für Fortgeschrittene’: Beim letzten Familieneinkauf mussten Eier besorgt werden. Besonders gut gefallen hat mir die Bezeichnung Free Running Eggs – zu deutsch Frei rennende Eier. Merke also: hier gibt es weniger frei laufende Hühner, dafür frei rennende Eier!

lena and herald.jpg

Back in the Day 2010 – als die Kinder und der Hund noch schiefe Zähne hatten

Und weil Kanada so viel Neues zu bieten hat, sitzt nun regelmäßig einer von uns auf der Waschmaschine. Free running wüde auch hier passen: Im Schleudergang marschiert das Teil durch den Keller, und das nicht zu wenig! Da ich der Schwerste in der Familie bin, ist das mit dem Draufsitzen mein Job. Tatsächlich ist es uns bis jetzt noch nicht gelungen, die Waschmaschine trotz Festschnüren am Trockner vom Weglaufen abzuhalten. Unsere Vermieterin Paula ist der Meinung, dass mit den unruhigen Schleudergängen sei hier so üblich und wir sollten uns darüber nicht weiter den Kopf zerbrechen.

Have a Good One – Whereever You are!

 

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