Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 7

Ende 2009 – Der erste kanadische Winter 

Dieses ist der kälteste Blogartikel, den du jemals lesen wirst!

Ich schreibe hier bei minus 30 Grad Celsius, der heutigen Tageshöchsttemperatur. Vergangene Nacht waren es minus 38 Grad. Kleiner Trost: bei minus 40 Grad endlich ist es egal, ob du von Celsius oder Fahrenheit sprichst – ist bei dieser Temperatur tatsächlich das Gleiche.

Bleiben wir beim kanadischen Winter und seinen Temperaturen:

Brillenträger stellen sich der Einfachheit halber vor, dass hier die Gläser von innen zufrieren. Also von der Gesicht-zugewandten Seite. Den Dunst, den man vielleicht in Deutschland so an und bei als störend empfindet und einfach wegwischt, muss man hier abschaben. Er ist zu Eis gefroren. Der Weg zum Auto – welches für die Nacht am Kabel hängt, damit das Öl flüssig bleibt – darf nicht länger als 15 Sekunden sein. Sonst ist die Jeans-Hose auf der Haut so kalt, dass du danach nicht mehr ordentlich bremsen kannst.

herald4

Winter-Whooki

Wir hatten das Nachtisch-Eis zu Biancas Geburtstag Mitte Dezember auf der Veranda gelagert. Böser Fehler! Speiseeis ist fürs Kühlfach mit seinen tropischen minus 17 Grad hergestellt. Bei minus 35 Grad – gestern Abend – ist an leckeres, cremiges Kugeleis nicht mehr zu denken. Man kriegt das Zeug einfach nicht aus dem Plastikbecher herausgekratzt.

Bei diesen Temperaturen kann man sich ungehemmt und irgendwie auch aus der Not heraus stundenlang über lange Unterhosen unterhalten: Welche sind gut, Tragekomfort, Beweglichkeit, etc. Fingerhandschuhe etwa versagen ab Minus 20 ihren Dienst. Da helfen nur noch Fäustlinge.

casino

‚Was trägst du so drunter?‘ Das ist seit einer Woche eine Überlebensfrage und keine sexuelle Anspielung.

Kollegen bei der Arbeit haben erzählt, dass die Trucks ab minus 50 Grad nicht mehr nur des Nachts durchlaufen, sondern darüber hinaus auch aufgebockt werden. Erster Gang rein und durchdrehen lassen, damit das Getriebeöl nicht eindickt und am Ende gar nichts mehr geht. Diese Temperaturen unter minus 40 Grad sind durchaus im Angebot, wenn man sich mal in den Yukon oder in die North West Territories verläuft.

Etwas wärmer ums Herz wurde uns dann aber, als wir Lena letztens zum Schwimmkurs anmelden wollten. Ich will mal abkürzen: Die Kosten dafür beliefen sich auf das Zehnfache der Gebühren vom TUS Clausthal, wo Lena im Harz geschwommen ist. Bianca hätte – jetzt kommt’s! – viermal fünf Stunden im Jahr beim Altdamen-Bingo Tickets verkaufen müssen, damit das mit Lenas Schwimmerei klappt. Das hätte $400 eingespart. Diese Art von ‚Gebühren sparen durch Ableistung gemeinnütziger Arbeit‘ ist hier nichts Ungewöhnliches. Das mit dem Schwimmkurs war uns dann aber doch zu großzügig und wir haben von der Sache erstmal Abstand genommen. Andere Clubs in Edmonton und Umgebung funktionieren ähnlich.

Da müssen wir wohl noch dazu lernen.

Lena hat ihr Weihnachts-Schulvorspiel vor 350 Muttis, Papis und Omis souverän hingelegt. Wir sind vor Stolz fast geplatzt, zumal unsere Tochter viel Sprechtext hatte. Sie spielte – wie gesagt – Dr. Brainpain. Eine Person, die dem Weihnachtsmann nach einem Unfall auf die Beine hilft. Man muss dazu sagen, dass die Weihnachtsgeschichte hier gerne ein bisschen aufgepeppt wird. Kollege Brainpain entspricht nicht so wirklich der biblischen Vorlage, aber was soll’s.

Apropos Weihnachten in Nordamerika: Glaub alles, was Hollywood dir darüber bisher auf die Flimmerkiste transportiert hat.

Los geht’s mit den Lichterketten!

Diese werden früh im November am Haus angebracht. Keiner will bei den Temperaturen, die gegen Ende des Jahres zu erwarten sind, auf dem Dach herumkraxeln. Hendrik und ich haben da den Tipp der Nachbarn berücksichtigt und die Lichterketten-Kletterei im November erledigt – somit alles richtig gemacht.

Die Frage nach echtem oder künstlichem Baum stellt sich hier genauso wie in Deutschland. Aber: Der Baum als solches leuchtet hier schon ab Anfang Dezember im Wohnzimmer vor sich hin, fliegt am 26. Dezember in der Regel raus.

Klingt komisch, ist aber so.

Bei den Geschenken bleiben wir dem 24. Dezember treu und sind damit allen Nachbarn eine Nasenlänge voraus, denn spätestens seit ‚Kevin allein Zuhaus‘  wissen wir ja: In Nordamerika wird am 1. Weihnachtsfeiertag morgens beschenkt.

winter steve

Noch ein Winter-Whooki …

Etwas Kopfschütteln hat uns die Suche nach geeigneten Adventskalendern bereitet: Als wir Ende November loszogen, war der von den Kindern gewünschte Lego-Kalender schon vergriffen und nur noch die mit Schokolade und 32 (ja: zweiunddreissig!) Türchen zu haben.

32 Türchen?

Auf Anfrage, was das mit den vielen Türchen denn soll, lüftete man uns unwissenden Europäern gegenüber das große Geheimnis: 31 Türchen für die Tage bis Silvester, das zweiunddreißigste Türchen für den ersten Januar. OK, dachten wir, na dann viel Spaß damit.

winter

Ja. Das Baby im Winterpelz.

Wir haben uns dann mal schnell unseren eigenen mit 24 Türchen gebastelt. Da sind wir halt mal ein bisschen altmodisch, oder bodenständig, oder was auch immer! Aber 32 Türchen, What the F###!

Bianca hat ihren Job als Project Manager aufgegeben. Das Verhältnis zur Chefin war nicht zu retten, die Arbeitszeiten nicht wirklich familienfreundlich und die Taktzahl zu stressig. Ist der Weihnachtshype erst mal wieder vorbei, will Bianca jenseits einer Bürotätigkeit arbeiten. Vielleicht im Sozialen Bereich oder gerne auch sowas wie Gärtnerei. Mal sehen, was da so auf uns zukommt.

Ich bin als Trucker fleißig unterwegs. Der Chef lässt uns Fahrer entscheiden, wieviel wir arbeiten wollen.

Mehr Meilen – mehr Geld.

Man hält es einfach und überschaubar. Willst du das Wochenende oder länger bei deiner Familie sein, bitte schön. Willst du drei Wochen durchfahren bei 900 km täglich, geht auch. 24 Stunden musst du zwischendurch mal anhalten, so das Gesetz. Ansonsten 110 km/h auf dem Highway und bis 13 Stunden täglich.

USA-Touren sind immer noch nicht für mich im Angebot, anders als ursprünglich vorgesehen. Das Gute daran: Ich komme öfter mal zu Hause vorbei. Wir wohnen nicht weit entfernt vom Yellowhead-Highway, einer Hauptverbindung wie etwa die A7 in Deutschland, das macht die Sache einfacher. Das Fahren als solches jetzt im Winter hat seine besondere Note: die Dunkelheit, die Glätte, die Kälte und die festgefrorenen Schneeketten …

grass1

Alberta gibt’s auch ohne Schnee

Biancas erster kanadischer Geburtstag war eine runde Sache, unsere erste Geburtstagsfeier auf diesem Kontinent überhaupt. Nachbarn und Kollegen sind gekommen und haben über Biancas Girossuppe gestaunt. Wir sind mittlerweile alle Vier im Englischen so weit, dass wir auch Witze und Wortspiele richtig erfassen können und so ein geselliger Abend erst gefüllt werden kann. Wir hatten bei diesem Geburtstag das Gefühl, mit dabei zu sein und mitreden zu können. Auch ist es nicht mehr so anstrengend, fünf Stunden lang Smalltalk in Englisch durchzustehen.

Vielleicht hat auch der Rotwein geholfen.

Vergangene Woche haben wir alle einen gründlichen Medizinischen Check-Up über uns ergehen lassen. Ist nötig für die Permanente Aufenthaltsgenehmigung. Da wollen sie es genau wissen, ähnlich der Musterung bei der Bundeswehr. Angefasst wurde auch, nur Husten mussten Hendrik und ich nicht – Gemusterte wissen, wovon ich rede. Pipi und Blut und Röntgenaufnahmen der Lunge, das volle Programm. Sämtliche Gelenke, Muskeln, Körperfunktionen – alle peinlichen Fragen wurden gestellt, die man als Immigrant in Deutschland sicher nicht beantworten müsste. Kanada will sich ein Urteil darüber verschaffen, wie teuer diese Familie im Zweifel für das Gesundheitssystem werden kann, wenn ihr erlaubt wird, den Rest ihres Lebens hier zu verbringen.

minus 27

Guckst du unten links.

Jedenfalls war der doch sehr freundliche Arzt positiv von unserem Befinden angetan und hat alle Kreuzchen an der richtigen Stelle gemacht. Wer diese Untersuchung hinter sich hat, hat eigentlich alles erledigt, was eine Immigration nach Kanada erfordert. Der positive Ausgang dieses medizinischen Tests ist in der Regel das Ende einer schier endlosen Odyssee durch einen beachtlichen Wust an Papierkram.

Der Werbespruch unserer Telefongesellschaft geht so:

‚The Future is friendly.‘

Und Ja: Kanada hat Zukunft im Angebot. Je dichter man an die Menschen herankommt, desto weniger ist dieses Land nicht nur ein großer Fleck auf dem Globus. Man braucht ein bisschen Puste und Entschlossenheit, um etwas Neues im Leben zu beginnen. Auch die ein oder andere Träne muss mal vergossen werden, auch darf die Kreditkarte unterwegs nicht schlappmachen, auch müssen in unserem Fall vier Menschen viel Vertrauen ineinander – und Liebe füreinander – im Gepäck haben. Aber dann darf man auch die Früchte ernten. Positive Grundeinstellung vorausgesetzt, sonst geht das alles nicht. Und – wie gesagt – dicke Fausthandschuhe und wintertaugliche Schlüpfer!

Und da wir im Ach-so-wilden-Westen wohnen, hier noch ein Überlebensmotto aus der guten alten Zeit:

‚Have the cards on the table and the bullets in the gun.‘

Have a Good One – Whereever You are.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s