Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 6

Der mit dem Truck fährt

Was macht der Oberharzer Trucker, wenn der Elch partout nicht von der Straße gehen will?

Diese und ähnliche Fragen gilt es derzeit zu beantworten. Ja im Ernst: ein ausgewachsener Elch ist durch seine schlaksige Art, mit der er läuft, nicht gerade ein elegantes Tier. Steht er dann noch auf der Straße und schaut dich an, dann kann man – mit etwas Hingabe – die Gedanken dieses Tieres lesen:

‘Was guckst du?’

Es soll Elche geben, die sehen in einem 23 Meter langen Truck eine Herausforderung, rennen los und greifen diesen an! Zum Glück hatte mein Elch in der Prärie von Saskatchewan ein Einsehen und bemühte sich schließlich wieder vom Asphalt. Aber erst, als ich schon auf 20 Meter rangefahren war. Aug in Aug – kanadischer Elchtest für Einwanderer, sozusagen.

mountains3

Banff National Park – very Canadian

Seit Anfang Oktober fahre ich einen Freightliner Century. Das ganze Langstrecke bei Siemens Transports – der Firmenname ist nur zufällig deutschen Ursprungs. Mein neues Wohnzimmer im hinteren Bereich der Zugmaschine ist in etwa so groß wie die Wohnung einer japanischen Durchschnittsfamilie. Zugegeben: dieser Truck ist etwas ‘abgelebt’: bei 1,9 Millionen km kein Wunder. Da musste ich erstmal ziemlich viel Vebree und sonstige Zaubermittel auftragen, um der Sache den gewissen Feinschliff zu geben. Der Teppich war nicht mehr zu retten, da habe ich flux das Teppichmesser rausgeholt und mal eben einen neuen verlegt.

Ach ja: für die Ice Road Fans unter euch, die immer dachten, in Kanada gibt es nichts anderes als Ice Road: mein Truck war vergangenen Winter tatsächlich dort eingesetzt. Wenn du die Sendung achte auf die Nummer 256. Das ist mein Truck.

ford

Der Feind in meinem Truck?

Na klar: eine Eaton-Fuller 18-Speed Transmission. Soll heißen: eine Gangschaltung mit 18 unsynchronisierten Gänge, die man erst mal finden muss. Kuppeln war gestern, Zwischengas ist heute. Hier sind die Trucker die letzten wahren Cowboys und deswegen lieben sie ihre „Crunchbox’. Denn echte Männer brauchen keine Synchronisation in ihrer Gangschaltung! Ja, das dazu.

In etwa läuft das so: gekuppelt wird nur zum Anfahren, danach müssen Drehzahl und Geschwindigkeit des Trucks harmonisieren, um die Gänge zu wechseln. Natürlich habe ich da schon mal die Sache vergeigt und schon stand der Truck samt 53 Fuß-langem Auflieger mitten auf der Kreuzung und 30 Autofahrer warteten, bis der ausländische Truckfahrer wieder bei Null anfängt. Mittlerweile war die Ampel dann schon … na ja, den Rest könnt ihr euch denken.

Das Land ist RIESENGROß. 900 Kilometer an einem Tag – in Europa aufgrund der schärferen Lenk- und Ruhezeiten gar nicht möglich – sind hier mein Tageswerk. Alaska-Highway gestern, die endlose Prärie von Saskatchewan heute und morgen wieder nach Calgary – da kann Papi sich mal richtig austoben. Merken Sie was? Bisher macht die Sache riesigen Spaß. Die Rahmenbedingungen sind viel geschmeidiger als im durchgeregelten Europa, der Fahrer arbeitet zu besseren Bedingungen und bei besserer Bezahlung. Dafür sitzt er auch länger hinterm Lenkrad.

jacks.JPG

Du willst in Spruce Grove mal legga Burger und Pommes essen und das nicht bei den üblichen Verdächtigen? Go to Jack’s – Cholesterin und Blutdruck satt 

Neben Nordlichtern und Cowboy-Stimmung gibt’s auch Trauriges:

Der Schwarzbär saß am Straßenrand, lief noch gerade vor meinem Truck los und wurde vom Kollegen im Gegenverkehr überfahren. Ein unschönes Geräusch – und ein so majestätisches Tier. Ausweichen oder Bremsen kannst du bei 110 km/h und 46 Tonnen nicht mehr und in diese menschgemachte Realität passt ein wildes Tier so rein gar nicht rein. Der Instinkt des Bären sagt: ‚Wenn du etwas nicht verstehst, lauf los!‘ Die Bewegungen eines Trucks und die hohe Geschwindigkeit, mit der das passiert, sind in der Welt, aus der wir letztendlich alle kommen, nicht zuhause.

Wir sind jetzt drei Monate hier und die Kinder träumen mittlerweile beide in Englisch. Man kann das testen. Schon komisch, wenn dir die Kinder im Schlaf in einer Sprache antworten, die jemand anderes ihnen beigebracht hat. Da wird dir erst bewusst, was es mit dem Wort „Muttersprache’ auf sich hat. Ist schon ein weiter Weg, den wir hier in kurzer Zeit gegangen sind.

mountains2.jpg

Mit den lieben Kleinen in  den Bergen – so klein sind sie gar nicht mehr

Lena singt im Schulchor ihrer Brookwood Elementary School und bereitet sich auf ihr Weihnachtsvorspiel vor. Sie ist dort ‚Dr. Brainpain’. Der ist mir zwar in der Weihnachtgeschichte bisher nicht begegnet, aber gut: schöne neue Welt. Man darf gespannt sein, wie das erste Weihnachtsvorspiel eines unserer Kinder in Kanada so ablaufen wird.

Apropos der kleine Unterschied:

Deutsche Wertarbeit macht wirklich etwas aus. Dinge wie Tesafilm, Feuchttücher, LKW-Gangschaltungen oder auch Klopapier können – anders als in Deutschland – auch qualitativ minderwertig hergestellt werden. Nehmen wir das Klopapier: da gibt’s Momente, da sehnt man sich nach guter, alter Aldi-Qualität. Reißfest, perforiert und doppel-lagig.

Kleiner Schmunzler aus dem hiesigen Anzeigenteil der Zeitung: ‚Erleben Sie Europa: London $450, Paris $470, Oktoberfest $520’. Endlich weiß ich, worauf es in Deutschland immer angekommen wäre! Schön zu wissen, dass die alte Heimat nur als große Wiesn wahrgenommen wird. Sicher schlussfolgert der ein oder andere Zeitungsleser hier nun, dass „Oktoberfest’ ja demnach die Hauptstadt Deutschlands ist.

Na dann Prost.

hiking

Am Abgrund? Auswandererkinder haben’s auch nicht leicht.

Bianca hat seit einer Woche ihre Arbeitsgenehmigung, eine ‚Open Work Permit’. Das heißt: sie darf überall und als was auch immer arbeiten. Somit ist ihre Zeit als freiwillige Helferin in der Schule – also ohne Bezahlung – demnächst vorbei. Alberta – die Provinz, in der wir wohnen – hat als einzige eine Sondergenehmigung für die Ehepartner von Langstrecken-LKW-Fahrern eingerichtet.

Warum das so ist? Die Damen und Herren von der Regierung haben festgestellt, dass viele Zugereiste eine Fernehe führen. Papi fährt zeitlich befristet Brummi in Kanada und Mutti bleibt mit den Kindern in England, Deutschland oder in den Niederlanden. Somit wandern die verdienten Dollars von Papi alle nach Europa ab und keiner davon kauft mal ordentlich die Cornflakes-Familienpackungen beim Safeway in Calgary weg oder wagt sich sogar an unperforiertes, einlagiges Klopapier vom Superstore heran. So wird nichts und niemand wirklich integriert und verdienen kann die kanadische Wirtschaft an diesen Weltenbummlern auch nichts. Das ist nun also zumindest in Alberta anders und die anderen Provinzen schauen mit Adleraugen auf die Dinge, die sich da im Westen tun. Bin gespannt, wann die nachziehen.

Bianca jedenfalls hat nicht lange gefackelt. Seit Montag nun ist sie in genau dem Übersetzungsbüro tätig, in welchem ich mich erfolglos beworben hatte, bevor die Truck-Fahrerei losging. Büroarbeit also – eigentlich wollte sie irgendwie was draußen machen. Und 8 Stunden am Tag Englisch sprechen, hören und schreiben – das schlaucht. Mal sehen, was wird. Arbeit gibt’s hier ja viel …

Hendrik ist recht gut beim Volleyball dabei und hat auch regelmäßig Spiele. Wenn wir können, sitzen wir dann auf der Tribüne – wie alle anderen Eltern auch – und drücken die Daumen. Beinahe hätte sein Team das letzte Spiel dann auch mal gewonnen – so wirklich die Abräumer auf dem Feld sind sie noch nicht. Vielleicht liegt’s an den Cheering-Girls, die müssen noch besser werden. Aber nett anzusehen ist es schon. Wir haben festgestellt, dass der Sport der Kinder offensichtlich für die durchschnittliche Vorzeigefamilie eine ziemlich ernste Sache ist. Und gerne fragt man bei solchen Gelegenheiten die Familie mit dem ach-so-komischen Akzent – das sind wir! – woher sie denn kommen. Wir sind tatsächlich eine klitzekleine Attraktion für die Dauer einer Viertelstunde im Leben vieler Kanadier. Auch wenn das Land nach wie vor ein Einwanderungsland ist, die große Welle aus Europa ist seit Jahrzehnten vorbei.

Letzten Sonntag haben wir uns dem Kirchgang hingegeben

Der Pastor ist hier im Allgemeinen und im Vergleich zu deutschen Gottesdiensten mehr ein Entertainer. Aber die Nachricht, die er rüberbringen will, kommt an und die Kirche ist voll! Du kennst die Übertragungen von amerikanischen Gottesdiensten aus dem Fernsehen? Genauso ist das dann auch. Die Band spielt und die Kirchgänger klatschen und tanzen mit. Es ist Partylaune. Kirchgang soll Spaß machen und mitreißen, damit die Menschen gestärkt und bereichert nach Hause gehen. Nach so einem Gottesdienst ist man fit für den Rest des Sonntags.

street3

Später dann geht’s mit dem Truck hauptsächlich durch die USA

Wir denken oft an unsere Freunde und Familie in Deutschland. Wir reden oft über die ein oder andere gemeinsame Zeit, die wir mit den Menschen, die uns nahestehen, verbracht haben.

Jetzt beginnt der Tag 8 Stunden später für uns. Wenn wir aufstehen, ist in Deutschland schon Nachmittag. Und doch finden wir immer mehr unseren Platz hier in Kanada. Wir werden Teil des Lebens der Menschen, mit denen wir hier zusammenkommen. Im Oberharz, wo wir vorher gelebt haben und mit Glück unser Haus verkaufen konnten, war in den letzten Jahren der gefühlte Stillstand eingekehrt- und das bedrückte.

Wir sind das Risiko eingegangen und sind nach Kanada ausgewandert.

Ein Gedanke zu „Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 6

  1. lutziges

    O Canada, our home and native land. Für mich hat’s leider nur zu sechs Besuchen bei Tante und Onkel gereicht. Aber das weltbekannte St. Thomas/Ontario ist auch ganz hübsch – zumindest für drei Monate Auszeit.

    Gefällt mir

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s