Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 5

Schwermut

Mein Arbeitgeber lässt mich erst im Oktober anfangen zu arbeiten. Es gebe nicht genug Aufträge, so sagt er. Derzeit gibt es jedoch viele Signale, dass beide nordamerikanischen Länder die Talsohle der Rezession hinter sich gelassen haben. Öl, unser wertvollster Rohstoff, macht vieles möglich.

Gestern stand in der Zeitung, dass es kanadischen Arbeitnehmern zukünftig wieder bessergehen wird. Die Provinzen Alberta, British Columbia und Ontario wachsen wirtschaftlich überdurchschnittlich.

Glück gehabt, wir wohnen in Alberta.

So bleibt für mich noch unverhofft Zeit, jenseits des Truck-Fahrens Ausschau nach Jobs zu halten. Heute war ich bei einem Vorstellungsgespräch in einem Übersetzungsbüro um die Ecke, die Stelle nennt sich Project Manager. Die Leute dort waren angetan, mal sehen, was wird. Morgen habe ich ein Gespräch mit einem Ski Resort in Edmonton, die suchen einen Service Manager. Nicht nur für den Winter, sondern fürs ganze Jahr. Komisch eigentlich.

buggy

Heute gab es nach 10 Tagen den ersten Regen. Für 10 Minuten. Es ist jetzt der erste Abend, wo es von 40 Grad Celsius (im Ernst, und ja: wir reden von Kanada!) auf 20 runtergekühlt ist. Einzig die Nächte werden nunmehr kalt, mit unter 10 Grad.

Bevor die Schule begann, hatten wir eine Reise an den Pazifik unternommen. Eine runde Sache: Whale-Watching, Flugboot-Fliegen, Olympia-Ski-Abfahrten in Whistler angucken und die ein oder andere Wanderung durch die Canadian Rockies. Das Land ist groß, und jede Reise ist zu kurz, um Kanada jemals ganz erleben zu können. Der Zelt-Wohnwagen – ausklappbare Betten, eng, wackelig – hat nicht jedem aus der Familie zugesagt. Aber darauf kommt es am Ende nicht an.

Wir vermissen vieles hier und haben unsere Krisen.

Vielleicht die ein oder andere, die wir ohne Auswanderung nicht gehabt hätten. Vor allem vermissen wir die Menschen, die wir in Deutschland um uns herum hatten. Familie und Freunde, die deutsch sprechen, und das nicht nur übers Telefon.

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Somewhere USA

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Somewhere Canada

Eines Abends sitze ich mit einem Glas Whisky in der Hand auf unserem Sofa, Bianca bringt gerade die Kinder ins Bett. Ich erinnere mich an einen Abend vor etwa zwei Monaten, als ich es war, der die Kinder zu Bett brachte. Damals, ein paar Tage vor dem Flug von Frankfurt nach Vancouver, zog ich unserem Sohn Hendrik die Bettdecke unters Kinn und fragte eher beiläufig, was er denn von dieser Auswanderung nach Kanada hielte.

„Papa, ich weiß, dass Mama und du das so beschlossen haben. Das mit Kanada.“

Und weiter: „Ich bin euer Kind und kann nichts dagegen machen, wenn wir dahingehen. Alles was ich weiß, ist, dass ich hier in Altenau meine Freunde habe, dass hier Oma und Opa wohnen, dass ich hier im Ort und im Wald alle guten Fahrradwege kenne und gute Jumps und gute Kurven, die so richtig Spaß machen. In Kanada sprechen alle Kinder und alle Erwachsenen eine andere Sprache, alle sprechen Englisch. Sie verstehen nicht, wenn ich ihnen antworte. Weil ich, ich spreche Deutsch. Ich kenne keine guten Fahrradwege durch den Wald in Kanada. Ich kenne nichts da drüben. Gar nichts. Egal was ich dir sage, Papa, wir gehen sowieso dahin. Mama und du haben das so abgemacht.“

Ich küsste meinen elfjährigen Sohn auf die Stirn, sagte Gute Nacht, ging ins Wohnzimmer und schenkte mir einen Whisky ein. Ich setzte mich aufs Sofa und dachte darüber nach, welch weitreichende Veränderungen wir mit diesem Schritt unseren Kindern zumuten. Wir nehmen ihnen alles, einfach alles, was sie kennen. Wir berauben sie eines ganzen kompletten Lebens in dem Land, wo sie geboren wurden. Wir machen ihnen Angst um das, was auf sie zukommt, nehmen ihnen die Geborgenheit eines vertrauten Heims und zerren sie mit in ein Land, dessen Menschen sie nicht verstehen können.

Unsere Kinder spürten in diesen Tagen zu jeder Stunde unsere eigene Unsicherheit; spürten, dass ihre Eltern sich da auf ein Abenteuer einlassen, dessen Ausgang nicht abzusehen ist. Unsere Kinder spürten, dass hier eine von ihren Eltern gewollte Veränderung auf sie zukommt, die kaum größer und weitrechender sein konnte.

bianca und steve

Denn sie wussten nicht, was sie tun … oder vielleicht ein kleines bisschen.

Plötzlich kam ich mir endlos elend und schlecht vor. Was für ein grausiger Vater war ich nur? Welche Eltern taten so etwas? Ich nahm einen kräftigen Schluck aus dem Whiskyglas und wusste bald nicht mehr, ob die feuchten Augen vom Whisky oder von meiner plötzlich über mich hereinbrechenden Melancholie kamen.

[2017: Mittlerweile sind unsere Kinder 19 und 17 Jahre alt und nicht am Leben in Kanada gescheitert. Jüngst sagte Hendrik zu uns: ‚Going to Canada with us was the best move you ever made. Best parents ever – love you guys!‘]

Have a good one – whereever you are.

 

6 Gedanken zu „Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 5

  1. diespringerin

    :o) … Wenn Eltern ihren Kindern so gar keine Veränderungen zumuten wollen, weil sie ja ach so sensibel sind, wie sollen diese lernen, mit Veränderungen klarzukommen, die in ihrem Leben drastisch auf sie zukommen? Wenn die Eltern wirklich glücklich sind (und auch mit ihren Krisen umgehen können). dann folgen die Kinder. Stabilität liegt letztendlich im Herzen. Das Äüßere kann sich von einer Sekunde zur anderen völlig verändern.
    Ach, und die Fotos sind einfach immer so toll und ich krieg fürchterliche Sehnsucht nach der Weite.
    Habt’s schön! Herzliche Grüße aus Wien.

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  2. Wolfgang Hildebrand

    Dieser Ausspruch von Hendrik ist doch ein schöner Beweis, dass ihr das Richtige getan habt.
    Ich kenne einen Fall, wo zuerst die Kinder wieder nach D gegangen sind, um zu studieren, dann die Ehefrau.
    Jetzt ist „er“ noch in der Nähe von Winnipeg wohnhaft.

    LG, Wolfgang

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    1. Steve Autor

      Wolfgang, vielen Dank für deinen Kommentar. Immer schwer zu sagen, wie die Dinge so kommen. Wir haben viele Deutsche hier getroffen, die ausschließlich mit anderen Deutschen zusammen waren. So kommt man nie wirklich an, denke ich.
      Beste Grüße!

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