Willkommen Zuhause – Eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land — Episode 4

Spätsommer 2009

Nüchtern betrachtet ist so eine Auswanderung ein reiner Jungbrunnen: Jeden Tag lernst du etwas Neues dazu. Das hält fit – rüttelt die grauen Zellen kräftig durch. Okay, auch Nicht-Auswanderer lernen täglich dazu, aber dennoch: Irgendwie ist das hier anders.

Etwa Schule: Die Kinder stehen jeden Morgen vor der ersten Stunde von ihrem Hocker auf und singen die Nationalhymne. Das Ganze wie gesagt täglich – und jeder singt mit. Für Deutsche sicher etwas befremdlich, man stelle sich das mal an einer x-beliebigen Grundschule irgendwo in Niedersachsen vor.

Am ersten Schultag nach den Sommerferien – für Hendrik und Lena der erste Schultag überhaupt in Canada! – kommt die Rektorin in Hendriks Klasse und ruft: ‚Ich bin die beste Rektorin der Welt!’

Worauf die Lehrerin: ‚Und ich die beste Lehrerin!’

Achtung also: Hier lernen Kinder am Beispiel ihrer Lehrer, dass man sein Selbstbewusstsein offen vor sich hertragen darf. Und dass es nicht schadet, stolz und froh darüber zu sein, dass man in diesem Land zur Schule gehen darf.

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Schoolbus Junkyard – alles hat mal ein Ende

Auch beim Einkaufen entdeckst du was Neues: Einige Preise sind angegeben für gleich zwei Packungen auf einmal, und zudem ist das Produkt nur mit der entsprechenden Gutschein-Karte zu bezahlen. Will man nur eine Packung erwerben oder man hat diese Gutschein-Karte nicht dabei, ja … was dann? Und was heißt eigentlich nochmal ‘Schnittlauch’ auf Englisch und, wo wir schon dabei sind: Wieviel sind eigentlich drei Unzen? Steht der Käse denn nun nach dem Wurst-Aufschnitt wie beim Lidl oder doch eher in der Nähe des Gemüses?

Und warum beim Bezahlen im Supermarkt nicht gleich Bargeld von der Bankkarte herausgeben lassen? Auch das haben wir gelernt und gleich mal ausprobiert. So wird der Supermarkt zum Geldautomat. Und das geht so: Der Einkauf ist sagen wir mal für $20,00. Den Terminal, dem man die Bankkarte anvertraut, beauftragt man zum Abbuchen von $100,00 – schon spuckt das Gerät Scheine im Wert von $80,00 aus. Du kommst mit mehr Geld aus dem Laden raus als du reingekommen bist!

Schöne neue Welt.

Erst später bemerken wir, dass dieser Service so einiges an Gebühren kostet. Aber das nur am Rande.

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Wenn der Vater mit dem Sohne –  die Werkbank kommt in den Keller

Neu für uns ist auch Self-Scan: Eine Kasse ganz ohne Kassiererin. Also alles selber durch den Scanner ziehen, Kreditkarte rein und fertig. Kostet zuerst etwas Überwindung. Ist dann aber ein Riesenspaß, der natürlich nach dem dritten Mal zunehmend an Schwung verliert. [2017: Gibst das mitttlerweile nicht auch schon in Deutschland?]

Auch neu ist die bunte Welt des Fernsehens: Das also ist die Originalstimme von Bruce Willis! Unglaublich … oder Julia Roberts und Richard Gere in ‚Pretty Woman‘! Am besten ist natürlich Arnold Schwarzenegger mit seinem schönen Österreich-Dialekt, perfekt dem Amerikanischen angepasst.

Überhaupt gibt es oberpeinliche Serien hier – ich könnte den ganzen Tag TV glotzen! Ein Sender beschäftigt sich nur mit der vermeintlich wichtigsten Sache der Welt: Die Schönheit des menschlichen Körpers und wie diese noch aufgehübscht werden könnte. Der Name des Senders ist Programm: Slice – ,Herumschnippeln’ oder wie man das im Deutschen sagen würde. Desperate Housewifes ist im Vergleich dazu ein katholisches Mädchenpensionat!

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Nordamerika hat viel davon: In the Middle of Nowhere

Apropos Housewifes:

Die Fernsehmacher im Land der unbegrenzten Seifenopern setzen immer wieder einen drauf und drehen immer munter weiter: Serien wie Real Housewifes of Atlanta, Real Housewifes of Orange County oder auch New York und Miami sind schwer angesagt. Inhalt? Nicht viel, außer daß sich die entsprechend neureichen Ladies gegenseitig immer wieder beweisen müssen, wer denn nun tatsächlich die Reichste und Schönste im Lande ist. Im Wesentlichen fängt die Kamera lediglich den Zickenkrieg dieser sogenannten ‚Hausfrauen‘ ein … aber warum eigentlich darüber noch weitere Worte verlieren?

Also zurück zu Kanada.

Für fortgeschrittene Auswanderer gibt es eher früher als später die Paradedisziplin „Rechnungen für Telefon, Wasser, Gas und so weiter verstehen und über Online-Banking bezahlen“. Muß man alles mal gemacht haben – schon beim zweiten Mal ist alles viel einfacher. Merk dir also schnell und für ewig: Mit Kontonummer und Bankleitzahl des Empfängers kommst du hier nicht weit. Das war einmal, das war Deutschland, das ist nun Vergangenheit. Hier fragt die Website deiner Bank nach deiner entsprechenden Kundennummer, die auf der Rechnung deines Gas-Zulieferers irgendwo steht. Wenn du die gefunden hast, kann’s losgehen mit der Überweisung. Beim nächsten Mal ist dieser Gläubiger schon abgespeichert – in Wartestellung, sozusagen. So einfach geht das, oder auch nicht.

Und wenn wir gerade beim Geld sind:

Neuigkeiten gibt’s auch beim Setzen des Kommas, um die Cents in einer Summe von den Dollars abzugrenzen. Das Komma trennt hier die Hunderter von den Tausendern, dann von den Millionen, etc. Der Punkt hingegen trennt die Dollars von den Cents. Das nur mal für diejenigen unter Euch, die es genau wissen wollen. Und daß die Eins nur ein Strich ist und die Sieben ohne Querstrich geschrieben wird, das dürfte allgemein bekannt sein, oder? Bitte deshalb in Nordamerika niemals die Eins mit dem Aufwärtsstrich links schreiben – das ist hier eine Sieben.

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Besuch beim Nachbarn, Kanada hat ja nur einen. Hier im Bundesstaat Nevada

Ebenso überraschend verhält es sich mit kleineren Reparaturen. Oder hast du schon mal eine defekte, nordamerikanische Klospülung wieder in Gang bekommen? Auch darauf kann man stolz sein, wenn man es hinbekommen hat. Ich will bei dieser Problematik aber auf die Einzelheiten verzichten.

Auf jeden Fall lernen wir wie Kinder, die die Welt neu entdecken.

Bianca hatte heute eher durch Zufall gleich zweimal die Höchststrafe: Telefonieren in Englisch! Erst einmal eine Absprache für’s BBQ am Wochenende und – jetzt kommt’s! – ihre neue Bankkarte über die entsprechende Hotline in Gang bringen! Good Girl!

Wir sind irgendwie angekommen. Und sehen den Weg, der vor uns liegt, immer deutlicher. Die Kinder sind seit Montag in der Schule. Hendrik in Fußnähe, Lena darf jeden Tag in einem nordamerikanischen Schulbus fahren. Mein Jugendtraum, diese gelben Busse! Lena bekommt neben den regulären Stunden Förder-Sprachenunterricht, eine Einheit jeden zweiten Tag. Hendrik versteht, so sagt er, das Englische und macht alles mit wie die anderen Schüler auch. Na also, geht doch.

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Und nochmal ‚In the Middle of Nowhere‘, irgendwo in Montana

An seiner Schule steht ein großes Schild:

Willkommen zum neuen Schuljahr! Wir haben euch vermißt!

So etwas habe ich noch nie an einer deutschen Schule gesehen.

Und wo wir gerade dabei sind: Vielleicht darf man Nordamerikaner als oberflächlich abtun. Im Vergleich zu deutschen Umgangsformen sind sie das auch, ohne Zweifel. Vielleicht aber erleichtert diese Art des Umgangs, der hier herrscht, auch viele Alltagssituationen. So haben wir am Wochenende am Samstag Freunde zum BBQ hier bei uns und am Sonntag sind wir bei den Nachbarn eingeladen. Wir finden das toll, erleichtert es uns doch den Anfang in diesem großen, jungen Land. Es gibt uns das Gefühl, mitspielen zu dürfen. Keiner nimmt uns hier als Ausländer wahr, wir dürfen uns wohl fühlen und sind willkommen. Und irgendwie sind ja alle hier mal angekommen. Die Indianer, die hier treffend First Nations heissen, schon ein paar Jahrhunderte früher als alle anderen.

Have a Good One – Whereever You are.

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