Willkommen Zuhause – eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land :: Teil 3

Mit dem Englischen ist das bei den Kindern auf lange Sicht kein Thema. Unsere beiden können den ganzen Nachmittag mit denen aus der Nachbarschaft zusammen spielen, ohne sich richtig zu verstehen. Und doch bleiben pro Stunde wieder fünf Wörter in Englisch hängen – da läppert sich was zusammen.

Wir hatten in den vergangenen zwei Wochen mehr Papierkram zu erledigen als jemals zuvor in unserem Leben. Man schafft höchstens drei Behördengänge pro Tag; die Entfernungen zwischen den einzelnen Ämtern sind riesig. Und dann noch Essen, Internet, Kinder bespaßen und Entscheidungen fällen, ohne dass die Kinder immer mit dabei sind. Ist schon ein volles Programm hier in den ersten paar Tagen.

Heute haben wir unseren Umzugscontainer beim Zoll am Flughafen ausgelöst.

Dass heißt, er kann jetzt angeliefert werden und das wird morgen der Fall sein. Wir sind ziemlich aufgeregt, fragen uns, ob alles heile geblieben ist. Ich brauche noch Leute zum Helfen und die Nachbarn sind erst ab fünf Uhr nachmittags zu Hause. Mal sehen, vielleicht hilft der Truck-Fahrer, der das Ding anliefert.

Wenn dann die Möbel hier sind und wir nicht mehr auf aufblasbaren Camping-Matratzen schlafen müssen, wird etwas Ruhe einkehren. So denken wir zumindest. Was wir noch dringend brauchen ist ein BBQ-Grill. Ohne den geht das hier nicht. Volkssport Nummer Eins ist immer noch Eishockey, dicht gefolgt vom Grillen auf dem BBQ. Ein Spruch, den wir in Sachen Grillen schnell gelernt haben, geht so:

‚Throw the steer on the Barbie!‘ Ist klar, oder?

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Derzeit ist überall ‚Blowout‘, was so viel wie Sommerschlußverkauf heißt. Es ist erst Anfang August und wir hatten es die letzten Tage durchgehend über 30 Grad, aber gut. Wenn verkauft werden soll, erklären die Marketingleute mal eben schnell den Sommer für beendet. Zumindest sind die Barbeques beim „Blowout’ immer im Angebot, da werden wir demnächst zuschlagen.

Wenn wir dann abends auf der Terrasse sitzen und bei einer Flasche Wein über die vergangenen Tage reden, dann kommen ganz schnell Sehnsüchte und Erinnerungen hoch. So gibt es Momente, da ist unsere bisherige Heimat Altenau – ein beschaulicher Ort im Oberharz, wo wir zehn Jahre lang zu Hause waren, wo unsere Kinder geboren sind – ganz nah.

Sowie auch alles andere, was wir für Kanada zurück lassen mussten.

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Westcoast – der erste Urlaub geht an den Pazifik

Manchmal sind das ganz banale Dinge. Zum Beispiel, wenn man zum Ausmessen der Gardinenstangen die Angaben in Inch oder in Fuß auf die richtige Länge in Zentimetern umrechnen darf, weil das Zeug – wie vieles hier – für den amerikanischen Markt produziert wurde und somit alle Angaben im Imperialen System sind. Das, obwohl Kanada schon vor Jahrzehnten offiziell auf das Metrische Maß umgestellt hat.

Oder Schraubenzieher: Phillips oder Robertson Bits?

Letztere etwa wollen sich so rein gar nicht mit meinem mitgebrachten OBI-Schraubenzieher anfreunden.

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Wenn die Sonne hier – so wie jetzt gerade am westlichen Horizont – langsam untergeht, dann klingeln in Deutschland die Wecker und es beginnt ein neuer Tag. In solchen Augenblicken wird mir bewusst, wie weit weg wir sind von dem, was unser Leben bisher ausmachte.

Aber dann auch wieder die Menschen hier um uns herum.

Kanadier haben stets ihren Blick nach vorne, da geht immer noch was, und das fällt sehr auf. Dieser Optimismus, dieses Fehlen von Miesepeterigkeit, Frust und Gemecker. Und das Schöne: wir dürfen bei dem ganzen Treiben mitspielen, wenn wir uns an die Regeln halten. Das ist ein anderes Lebensgefühl, womit man sich nach und nach anfreunden kann. Wie wir in unsere Zukunft blicken? Ja richtig: Positiv!

Wenn alles gut geht mit der Anlieferung des Containers, dann sitze ich morgen wieder auf meiner alten Couch, in meinem neuen Wohnzimmer. Aber vorerst ruft die Pflicht: 63 Umzugskartons wollen in den Keller geschleppt werden. 63 Kartons mit über 40 Jahren Leben in Deutschland darin. Ich glaube, dann ist es gut zu wissen, daß noch etwa ein Dutzend Dosen Bier in unserem viel zu großen Kühlschrank stehen. Hoffentlich verlaufen die sich nicht da drin.

 

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