Willkommen Zuhause – eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land :: Teil 2

— Ende Juli 2009 —

Das ist nun alles vorbei. Mit dem kabellosen Parkplatz-Internet, meine ich. Gestern war der Schrauber von Shaw bei uns im Haus und hat uns voll verstöpselt. Shaw, das ist eine der beiden großen Anbieter für Internet-, Telefon- und Fernsehanbieter in Kanada. Leider hat er ein Kabel irgendwie falsch zusammengesteckt und deswegen steht der Anrufbeantworter erst einmal im Keller und wir müssen zum Abhören immer die Treppe runter. Klingt komisch, ist aber so. Kommenden Dienstag kommt er wieder vorbei und will die Sache richten.

Apropos Telefon: Wir können Deutschland für drei Eurocents pro Minute erreichen. In die andere Richtung zahlt man ein wenig mehr, je nach Tarif. Nordamerika ist von Deutschland aus günstiger als etwa Türkei oder Polen. Der Preis ist hier wie so oft nachfrageorientiert, und Kanada wird von Deutschland aus eben seltener angewählt als diejenigen Länder, aus denen die meisten Deutschland- Einwanderer kommen. Sollte trotzdem mal einer das Verlangen haben, uns zu sprechen: In Alberta hinken wir acht Stunden hinter der MEZ hinterher. In dem ein oder anderen Fall wurde das von Freunden und Verwandten in Deutschland schon einmal vergessen. Nur gut, dass der Anrufbeantworter vorerst noch im Keller steht.

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Und noch einmal Telefon:

Die Provinz Alberta, doppelt so groß wie Deutschland, hat genau so viele Einwohner wie Berlin. Und deshalb gibt es auch nur zwei Vorwahlnummern für das gesamte Gebiet. Im Norden die 780, im Süden die 403. Berlin hat nur eine. Es ist also noch Platz in Alberta für recht viele Telefonanschlüsse. Und das ohne sich um neue Vorwahlnummern bemühen zu müssen. [Mittlerweile, in 2017, hat sich das geändert.] Das ist es dann auch, was Kanada ausmacht: Platz ist in jeglicher Hinsicht reichlich vorhanden. Selbst bei den Vorwahlbezirken.

Unser erstes Auto ist ein KIA Sorento mit Automatik und Tiptronic und Four-Wheel-Drive und dem ganzen anderen Kram. Ich habe heute das erste Mal vollgetankt, 49 Eurocent pro Liter. Steuern zahlen wir keine für den Wagen. Man merkt schnell: Kanada ist Oil Country.

Zudem ist die Idee mit der technischen Überprüfung von Autos hier nicht ganz so ausgeprägt wie in Europa. Genaugenommen ist das hier gar nicht vorgesehen. Man setzt eher auf die Vernunft der Verkehrsteilnehmer, hin und wieder mal die Bremsen und dergleichen untersuchen zu lassen. TÜV und ASU haben es bisher nicht über den großen Teich geschafft – hier gibt’s lediglich alle zwölf Monate eine neue Plakette. Zum Selberkleben. Das aber nur, wenn die Kfz-Versicherung und sämtliche Straftickets – zu schnelles Fahren, Missachtung von Stoppschildern, etc. – artig bezahlt wurden. Immerhin.

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Ganz anders sieht das beim Kauf von Autos aus, die über zehn Jahre alt sind oder vorher in einer anderen Provinz angemeldet waren: Solche Exoten muss man in einer zertifizierten Werkstatt technisch überprüfen lassen! Natürlich nur einmal, eben ganz zu Anfang, beim Eigentümerwechsel. Danach kann das Ding gefahren werden, bis alles ausgebrannt und weggerostet ist und die Kiste wirklich nicht mehr rollen will. Wechselt das Auto nicht mehr den Eigentümer, hat man es gegebenenfalls mit 35 Jahre alten Autos zu tun, die das letzte Mal einen Mann im blauen Kittel vor 25 Jahren gesehen haben. Wir haben diesbezüglich Glück: der Sorento ist erst vier Jahre alt. [2017: Derzeit fahre ich einen 1982 GMC Sierra Classic Pick-Up Truck, der den Blutdruck eines jeden deutschen TÜVlers ins Jenseits befördern würde.]

Zurück zu dem Haus, in welches wir nach zehn Tagen Bed&Breakfast eingezogen sind: Wir wohnen zur Miete in einer Neubausiedlung – in einem Kaffeehaus.

Kaffeehaus – eine Wortkreation von Bianca. Die Häuser sind in Kanada oft so eng gebaut, dass man den morgendlichen Kaffee dem Nachbarn durchs Fenster rüberreichen könnte.

Stellt euch Serien wie Desperate Housewifes oder – lang ist’s her! – Eine schrecklich nette Familie mit Al Bundy vor. Dort kann man sie sehen, Eigenheime dicht an dicht. Grundstücks-Randbebauung ist hier kein Thema, die Häuser stehen keine zwei Meter voneinander entfernt. Sauber aufgereiht, die ganze Straße entlang.

Ein Neubauviertel gleicht dem nächsten.

Das spart Erschließungskosten, macht es aber auch bei Bränden den Flammen recht einfach, von einem Haus zum nächsten rüberzumachen.

Auch die Größe unseres Gartens ist äußerst überschaubar: Etwa die Fläche von zwei Garagen. Wir haben drei Schlafzimmer, zweieinhalb Bäder, einen amerikanischen Kühlschrank (fast so groß wie der Garten!), eine amerikanische Waschmaschine (es gibt Dinge, die sollten Amerikaner nicht bauen …) und super-nette Nachbarn.

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Autofahren mit Vierzehn? Kein Thema, solange Daddy daneben sitzt. Nüchtern, und ohne am Handy rumzuspielen …

Einer davon ist, wie wir erfahren, Hendriks zukünftiger Musiklehrer. Die anderen eine ebenfalls zugezogene, sechsköpfige Familie aus der Nachbarprovinz Saskatchewan. Die Eltern in dieser Familie, Ron und Brenda, werden neben Delton und Phil, den Eigentümern des Bed&Breakfast, wo wir für die ersten zehn Tage gelebt hatten, zu unseren Bezugspersonen in dieser aufregenden Zeit. Es sind diese vier Menschen, deren Weg wir eher zufällig gekreuzt haben, die uns Kanada und die Kanadier so erklären, wie es keine Auswanderungsbroschüre und kein Einwanderungshelfer hätte tun können. Es sind diese Menschen, die ein Einwanderungsland wie Kanada zu dem machen, was es ist: A Place to call Home.

Wir werden in diesem Miethaus hier in der Vernon Street, so der derzeitige Plan, für ein Jahr wohnen. Dann könnte sich gegebenenfalls Biancas Traum von einem Haus auf dem Land erfüllen. Kaufen können wir derzeit noch nicht, Neu-Ankömmlinge bekommen keinen Kredit für ein eigenes Haus.

Die Banken funktionieren so:

Erst einmal abwarten, ob die Leute aus dem fernen Europa eine gewisse Kreditwürdigkeit haben, ob sie ihre Jobs behalten und davon auszugehen ist, dass sie einen etwaigen Hauskredit bezahlen können. So bleiben vorerst nur Mietobjekte für Einwanderer, und diese gibt es nur in einer der Subdivisions’ in der Stadt. So heißen hier die Wohngebiete am Stadtrand. Unsere ist Spruce Village.

Wir sind die ersten Mieter in diesem Haus. Alles ist ganz neu. Auch der Rasen, der frisch gesät ist und sich hoffentlich noch blicken lässt. Der Stadtteil insgesamt ist sehr jung, die meisten Häuser nicht älter als zwei Jahre. Auch die Menschen, die hier leben, sind noch weit vom betreuten Wohnen entfernt. Und es gibt Kinder in Hülle und Fülle. Die Straßen sind ein Riesenspielplatz und eine englische Übersetzung für das deutsche Wort ‚Pillenknick‘ scheint es nie gegeben zu haben. Als Durchschnittsdeutscher schwer vorstellbar, wie viele Kinder hier rumrennen.

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Allerdings: Die Statistik verrät, dass in Kanada weit mehr Ehen geschieden werden als in Deutschland. Und die Kinder einer geschiedenen Ehe werden hier in der Regel nicht einem Elternteil zugesprochen – mit Besuchsrecht des anderen -, sondern es wird wöchentlich durchgewechselt. Das haben wir erst später durch die Freunde unserer eigenen Kinder mitbekommen. Verabredungen für den Nachmitttag laufen da oft so:

‚Wo bist du denn diese Woche zu Hause? Bei Mom oder bei Dad?‘

Die ersten Bekanntschaften, die unsere Kinder Hendrik und Lena machen, sind die drei Mädels von nebenan. Fünf, sieben und zehn Jahre alt. Auch die sind wegen der getrenntlebenden Eltern eine Woche hier, dann wieder eine Woche woanders, dann wieder hier. Die finden unser Wohnzimmer so überaus cool. Weil dort vorerst noch so gut wie gar nichts drinsteht, denn der Container aus Deutschland kommt erst in etwa einer Woche an und muss dann noch vom Zoll freigegeben werden. Wir haben keine Möbel, schlafen auf Luftmatratzen und sitzen auf geliehenen Campingstühlen.

Die Schule ist noch nicht gestartet, wir sind mitten in der Summer Break in Kanada angekommen. War Absicht, da hat man mehr Ruhe für alles. Mit dem Englischen ist es bei unseren Kindern noch nicht so weit her, und somit verständigen sich die kanadischen Kinder mit unseren mithilfe von Zeichnungen und Skizzen, die sie mal schnell aufs Papier pinseln. Schon toll, diese Kompetenz von kleinen Leuten. Da wird nicht lange gefackelt, die Dinge werden spielerisch angepackt und am Ende wissen alle, wovon die Rede ist. Es macht Spaß, das zu beobachten. Es lässt uns hoffen, dass die vielen Bedenkenträger in unserer alten Heimat Deutschland, die meinten, wir würden unseren Kindern mit dieser Auswanderung einen irreparablen Schaden zuführen, sich am Ende vielleicht geirrt haben.

Have a Good One – Wherever You are.

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