Willkommen Zuhause – eine kleine Geschichte über unseren Anfang in einem großen Land

Teil 1

Juni 2009 – Einladung zur Abschieds-Party

Lange hat es gedauert. Drei Jahre lang um genau zu sein. Und nun – ja, nun ist es soweit. Wir werden auswandern, nach Kanada, in einen Ort in der Provinz Alberta. Acht Zeitzonen von Deutschland und allem, was wir bisher als Zuhause verstanden haben, entfernt.

Lange hat es tatsächlich gedauert, bis wir alle Unterlagen, sämtliche Prüfungen und einige emotionale Hochs und Tiefs hinter uns gebracht haben. Nun heißt es Go West! – durchstarten und versuchen, eine neue Heimat zu finden. Dort, wohin noch nie einer aus unserer Familie oder von unseren Freunden gegangen ist. Vielleicht mal als Urlaub, aber nicht, um dort ernsthaft zu leben.

Vielleicht fange ich diese Geschichte am besten an mit den Einladungen für die Abschiedsparty.  Diese war im Sommer 2009 und der Text ging so:

Damit uns der Abschied noch ein bißchen schwerer fällt, möchten wir unsere Familie und unsere Freunde zu einer Abschiedsparty nach Altenau einladen.

Wir wollen am Samstag, den 04. Juli 2009, ab 19.00 Uhr bei uns zu Hause mit euch den Grill anschmeißen … für Essen, Trinken und reichlich Taschentücher ist so gut wie gesorgt. Es wäre schön, wenn einige von euch einen Salat o. ä. mitbringen könnten.

Bitte sagt uns bis zum Samstag, den 20. Juni 2009, am besten per Anruf oder Email Bescheid, ob ihr kommen könnt.

Ihr braucht eine Unterkunft? Bitte fragt uns, wir können da was Kostengünstiges arrangieren.

Ihr wollt den genauen Abflugtag wissen? Wollen wir nicht verraten!!!

Keine Bange: diese Party kommt nicht in’s Fernsehen, es ist kein TV-Team bestellt. Die zahlen einfach zu wenig …

Wir freuen uns auf das, was kommt! Und auf Euch!

Bianca, Stefan, Hendrik und Lena-Marie

altenau sign

Vier Jahre danach: Besuch in der alten Heimat

 

Was bisher geschah

Drei Jahre haben wir uns Zeit genommen. Drei Jahre Nachdenken, Informationen zusammentragen, über Kanada reden, streiten, Geld zählen, Kinder trösten, wieder reden, Anträge und Vordrucke ausfüllen und bei alle dem das Ziel nicht aus den Augen verlieren.

Und dann haben wir es getan. Viermal One-Way Ticket Frankfurt-Vancouver-Edmonton.

Das alles war im Juli 2009. In diesem Sommer beginnt diese Geschichte, unsere Geschichte. Wir – das sind Bianca, Stefan, unsere schulpflichtigen Kinder Lena und Hendrik, und wir sind nach Kanada ausgewandert. Unser neues Zuhause ist Spruce Grove, eine 25.000-Seelen-Gemeinde westlich von Edmonton in der Provinz Alberta.

Aber eins nach dem anderen: Ankunft im Flughafenhotel – zehn Tage Bed & Breakfast außerhalb der Stadt – schließlich Einzug in’s Mietshaus.

Diese ersten Tage in unserer neuen Heimat sind bestimmt von Behördengängen, Formularen, Vordrucken, bisher unbekannten englischen Vokabeln, ungewohnten Abläufen, unverständlichem Kleingedruckten und dem Vertrauen in sich selbst, sich da irgendwie durchzuwursteln. Ständig präsent die fragenden Augen der Kinder:

‚Wissen Mama und Papa, was sie da tun?‘

Im Nachhinein scheint die größte Hürde zu sein, eine sinnvolle Reihenfolge in die Abläufe zu bringen.

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18 Monate in Kanada: Das erste eigene Haus – ein Neubau mit großem Garten

So fordert etwa die Anmeldung bei der Sozialversicherung, dass sich schon bei der Krankenkasse angemeldet wurde. Die Krankenkasse wiederum kann nicht auf den Weg gebracht werden ohne – ihr ahnt es schon – die Vorlage einer Sozialversicherungsnummer. Beide Behörden verlangen, dass der Antragsteller bereits bei der jeweils anderen zuerst war.

Hier ist der einsichtige, mitdenkende Sachbearbeiter mit Weitsicht gefragt. Es gibt immer eine Lösung Plan B, und für Einwanderer muss Plan B oft herhalten.

Die freundliche Sachbearbeiterin bei Alberta Health Care – Krankenkasse – rückt also ihr Kopftuch zurecht und greift kurzentschlossen zum Telefon. Sie ruft ihre Kollegin bei der Social Insurance Affairs – Sozialversicherungsstelle – an. Die beiden Damen umgehen mit gegenseitiger Hilfe den Online-Vordruck auf ihren jeweiligen Bildschirmen, der nur weitermachen will, wenn eine bestimmte Reihenfolge in der Vergabe der Nummern eingehalten worden wäre. Und Bamm! Plötzlich halten wir weitere zwanzig Blatt Papier in den Händen und sind nunmehr alle Vier kranken- und auch sozialversichert.

Na bitte – geht doch.

Wir haben vorerst noch keinen Internetanschluß in unserem Mietshaus. So fahren wir also regelmäßig zum Wlan-Port auf dem Safeway-Parkplatz in unserer Stadt, um die zu dieser Zeit noch sehr zahlreichen Emails von Familie und Freunden aus der alten Heimat zu lesen und zu beantworten. Dort – oder auch bei Starbucks nebenan – sitzen wir dann im Auto und hängen uns so lange ins Internet, bis die Kinder auf der Rücksitzbank anfangen mit Gegenständen zu werfen und nervige Gesichter zu machen.

Es ist an der Zeit, um nach einem weiteren turbulenten Tag einfach wieder Mama und Papa zu sein und so zu tun, als hätte man alles im Griff.

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Na dann …

Liest du nächsten Samstag: Auto kaufen, Schule anmelden, Leute kennenlernen

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