Lust auf Deutschland? Warum eigentlich nicht …

Okay, die schwüle Witterung hat’s schon in sich. Und überhaupt: Weit und breit keine Klimaanlage, enge Strassen, kleine Kühlschränke, Moos auf den Gehwegplatten und Spinnengetier in verwinkelten Ecken. Sind das Vorurteile oder wirkt Deutschland wirklich so auf Menschen, die von der anderen Seite des Teichs auf Urlaub kommen?

Aber wir wollen nicht zu früh urteilen.

Wie sieht’s etwa hiermit aus: 190 km/h mit Vadderns Opel voll krass legal auf der linken Spur, Bierchen schlürfen in einer Fußgängerzone – ebenfalls voll krass legal, Vogelgezwitscher und der Ruf eines Uhus. Überhaupt diese Sache mit einer F-u-ß-g-ä-n-g-e-r-z-o-n-e ist doch eine europäische Errungenschaft par excellence, die man als solche erst zu würdigen weiß, wenn sie im Alltag nicht mehr da ist. Wie bei vielen Dingen im Leben.

Deutsche Gemütlichkeit erlebe ich bei jedem Besuch ganz intensiv.

Hier, wo man sich so schwer tut mit den harten Faktoren des Lebens und darüber fast Gefahr läuft, die weichen zu vergessen. Deutsche Gründlichkeit hat seinen Preis. Da kann man sich lange Briefe mit der Behörde hin- und herschreiben, um zum Beispiel zu ermitteln, wieviel Abwasser im Vergleich zum Frischwasserverbrauch vom Ver- und Entsorger in Rechnung gestellt werden dürfen, wenn durch den zu bewässernden Garten anteilig Frischwasser im Boden anstatt in der Kanalisation verschwindet; alles unter Berücksichtigung der versiegelten Fläche – Gehwege, Garagenauffahrt, Terrasse – und des begrünten Daches des Schuppens, der die Wasserbilanz wieder zugunsten einer geringeren Abwassergebühr ausschlagen läßt. War das jetzt ein typisch deutscher Satz? Wenn ja, war es Absicht.

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CLass of 1987 – Klassentreffen in Eutin. Ja richtig, dreißig Jahre! Dreißig!

Aber wo waren wir doch gleich? Ach ja, die sprichwörtliche Gemütlichkeit.

Deutsche Gemütlichkeit kann nicht erklärt werden. Sie ist wie ein schwarzes Loch im Weltall: Wir wissen, es gibt es, aber was es genau ist, wissen wir nicht. Eins haben beide gemeinsam: Die enorme Anziehungskraft, die von ihnen ausgeht. Ob es nun Biergarten-Gemütlichkeit oder die Vorweihnachtszeit im Kreise der Lieben ist:

We Germans know Gemutlichkeit.

Wenn ich hier bin, klingt es anders. Zum Beispiel das Geglucker einer frisch geöffneten Flasche Weizenbier, die sich ins Glaß ergießt. Natürlich ist das Quatsch; Weizenbier-Geglucker ist zuhause in Spruce Grove genauso lecker wie bei der Zenzi an der Eckkneipe in Schwabing. Den Unterschied macht einzig und allein derjenige, der es hört. Denn der assoziiert mit diesem Geglucker sein Leben im Ursprungsland des Weizenbiers, träufelt noch ein paar Erinnerungen von Urlauben in Österreich mit ein, denkt an feuchtfröhliche Nächte zu Papa was a Rolling Stone und an Nenas Luftballons, an zuckende Discokugeln und der Telefonansage ‚Beim nächsten Ton ist es Fünfzehn Uhr und sieben Minuten‘ und schon ist alles wieder einmal so furchtbar lange her.

Der Geruch ist unser stärkster Weg in die eigene Vergangenheit. Um diese Zeitreise zu erleben, braucht es keine Auswanderung nach Kanada. Deutsche Gemütlichkeit ist im Wesentlichen der Geruch von damals, den es immer noch hier gibt, wenn man bewußt hineinriecht.

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Muss man Kanadagänse in Deutschland fotografieren? Unbedingt!

Wenn ich so wie jetzt als Besucher hier bin interessieren mich nicht die harten Facts der 20-Uhr-Nachrichten. Der englischen Sprache ist es nicht gegeben, das Wort Gemutlichkeit angemessen zu übersetzen, hat es aus diesem Grunde in den eigenen Wortschatz übernommen. Es lohnt sich, mal darüber nachzudenken.

Have a Good One, whereever You are.

 

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