Chicken or Pasta?

Fernreisen haben es bekanntlich in sich: Dreimal umsteigen, acht Zeitzonen, elf Stunden Skin-to-Skin-Hautkontakt mit einem ungeduschten Fremden auf dem Platz neben dir im Flieger. Irgendwann drückt es weiter unten und du fragst dich: Soll ich’s wieder schnell im Stehen wagen oder mich wegen der Turbulenzen doch lieber auf die nach Dreiviertel der Strecke schon etwas bedürftig aussehende Klobrille draufsetzen?

Dieser Text wird am Küchentisch zuhause in Kanada geschrieben, in den Blog eingestellt wird er erst am kommenden Sonntag. Dann bin ich in Deutschland – der Alt-Heimat, dem Land aus einer anderen Zeit.

Was empfinden Auswanderer, die ihrem deutschen Pass zwei Wochen Heimaturlaub gönnen?

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Bald Eagle, gerne unterwegs an der Pazifikküste bei Vancouver

Nehmen wir mal an – vielleicht weil es gerade so gut passt -, wir haben hier Jemanden, der sich vor acht Jahren ein One-Way-Ticket nach Kanada für sich und seine vierköpfige Familie gekauft hat. Nur mal so nebenbei: Der Flugticketmarkt ist preislich nicht wirklich auf One-Way-Tickets ausgelegt. Wer auswandert bekommt keine Schnäppchen; wer auswandert ist selber Schuld.

Aber wo wollten wir nochmal hin?

Ach ja, der Urlauberer im Ex-Land und seine Gefühlswelt.

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Meistens klappt’s mit denen ganz gut. Aber wie gesagt: Nur meistens!

Nehmen wir also an, unser Kanada-Auswanderer war schon ein paarmal wieder drüben, wobei drüben für ihn Deutschland ist. Ist klar, oder? Was tut er als erstes nach der Landung in Frankfurt? Richtig! Ins erstbeste Airport-Cafe setzen, einen Apfelstrudel bestellen und den Menschen an den Nebentischen bei ihren Gesprächen lauschen. Deutsch. Obwohl es Frankfurt ist, obwohl es noch der Airport ist, die meisten sprechen deutsch. Auch diese beiden gepflegten Männer im Business-Suit gleich nebenan. Sie trinken Bier, in aller Öffentlichkeit, obwohl sie von Kindern dabei beobachtet werden können. Und da, am Ecktisch: Eine Familie aus Sachsen. Unser Urlauber fragt sich, wann er das letzte Mal Kinder hat deutsch sprechen hören, und dann auch noch auf sächsisch. Er atmet tief durch und langt in seinen Apfelstrudel.

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… das musste jetzt mal sein.

Auswanderer neigen dazu, den Besuch des Ex-Landes als eine Zeitreise zu empfinden. Sie besuchen die Stätten, in denen sie sich vor dem Kauf des One-Way-Tickets rumgetrieben haben, treffen sich mit Menschen, die in ihrer Jugend eine Rolle gespielt haben, fahren die A 29 nach Wilhemshaven hoch, weil es hier noch teils ohne Tempolimit geht. Nordamerikanische Führerscheine sind Deutschland-tauglich, und doch ist extra Vorsicht geboten: Rechts überholen verboten, bei Rot rechts abbieben verboten, Mittelfinger hochhalten ebenfalls verboten. Okay, letzteres wird auch in Kanada geahndet – und selbst wir können Punkte bekommen, wenn auch nicht in Flensburg.

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Deutschland ist eng.

Europas Städte wurden tausende von Jahren vor denen im nordamerikanischen Westen entworfen und gebaut. Da dachte man noch nicht so breit und ausladend, nicht so auto- und parkplatzfreundlich wie jetzt. Diese Enge fällt dem Besucher aus der Neuen Welt sofort auf, unabhängig davon, ob er vorher in der Alten Welt zuhause war. Und es passt wie die Faust aufs Auge zu einer zwischenmenschlichen Auffälligkeit, die die Europäer von den Nordamerikanern wie nichts anderes unterscheidet:

Das Anstellen an einer Kasse.

Da ist erst einmal der Abstand zwischen denjenigen, die sich anstellen. Diese sich fremden An-ge-stellten stehen an der Aldi-Kasse in Wuppertal so dicht, dass sie sich ohne Mühe berühren könnten. Manchmal tun sie das sogar. Offensichtlich eine eher zufällig gemeinte Aufforderung, doch bitte dichter an den eigenen Vordermann heranzurücken. Besonders anhängliche Hintermänner schrecken nicht davor zurück, dir in dieser Situation einen leichten Schubser mit dem Wägelchen in die Achillissehne zu geben.

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Walking the Dog, Spruce Grove Central Park.

Zum Vergleich dazu eine Schlange im Canadian Superstore in Spruce Grove, Alberta: Abstand zum Vordermann doppelte Armlänge, Abstand zum Hintermann ebenfalls doppelte Armlänge. Kein Geschubse, kein Knoblauchgeruch eines Fremden in deinem Nacken, ausreichend Sicherheitsabstand zu allen Seiten. Und: Das Ziel – abkassiert zu werden und raus – wird genauso schnell erreicht wie beim Aldi in Wuppertal.

Noch was: Eine Kasse ist offen, eine zweite wird aufgemacht.

Schon beim unauffälligen Heranschlendern der Aldi-Kraft im blauen Kittel stürmt diejenige mit der besten Reaktionsgeschwindigkeit und Agilität aus der dichten Reihe der An-ge-stellten aus der Schlange raus und wird damit erste Kundin an der sich in Kürze öffnenden Kasse sein. Völlig unberücksichtigt bleibt – und zwar für alle, die hier mitspielen -, an welcher Position sie sich in der bisherigen Schlange befunden hat.

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Alberta, Backcountry

Ein Endorphin-Stoß der Spitzenklasse!

Ganz anders im Canadian Superstore acht Zeitzonen weiter links auf dem Globus. Die zweite Kasse wird geöffnet, die Kunden verteilen sich ohne Hackengas oder hastige Bewegungen neu auf. Dabei wird peinlich genau darauf geachtet, dass sich die Reihenfolge an der bisher einzigen Kasse nunmehr auf zwei Kassen verteilt. Keiner, der bisher hinter dir stand, wird in irgendeiner Reihe vor dir stehen.

Have a Good One – Whereever You are.

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