Wie geht arbeiten in Kanada?

Stell dir vor du hast Arbeit. Erstmal nicht das Schlechteste. Du lieferst artig deine Stunden ab, gehst da morgens hin, investierst deine Lebenszeit, kannst gut mit den lieben Kollegen, erbringst einen Mehrwert für die Firma. Eines Tages fragst du dich: Hast du überhaupt einen Arbeitsvertrag? Irgendwas Schriftliches? Ist eigentlich irgendwo geregelt, was sie dir für deine Mühen zahlen, wieviel Urlaub du hast, was mit Überstunden ist und ob deine Kündigungsfrist arbeitnehmer- oder eher arbeitgeberfreundlich aussieht?

Okay. Das war gedacht wie zwischen Flensburg und Oberstdorf in Bayern.

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Der Columbia River. Die letzten 250 Meilen vor der Mündung in den Pazifik trennt er Washington von Oregon.

Wer zwischen Nordatlantik und Pazifik arbeiten will, muss sich diese Denke abgewöhnen. Arbeitsverhältnisse sind hier aus deutscher Sicht hoffnungslos unterreguliert. Das Risiko eines Arbeitnehmers, jemanden einzustellen, der sich im Nachhinein als Fehlgriff herausstellt, ist hier vergleichsweise gering. Man hat hier Keinen länger als nötig an der Backe, nur weil es das Arbeitsrecht so will und man zu ehrlich war, den Typ doch lieber erstmal schwarz arbeiten zu lassen.

Auch gewerkschaftlich läuft hier nicht so viel, zumindest nicht jenseits der primären Wirtschaftssektoren. Wer nichts taugt, darf gehen. Auch wer nichts mehr taugt, ist schnell draußen.

Produktivität ist die Nummer Eins.

 

Ich habe von Handwerkern gehört, die mit ihrem Werkzeugkasten am langen Arm auf einer Baustelle ihrer Wahl aufkreuzen und erst einmal ohne viele Worte mit anpacken. Hat er Sicherheitsschuhe, Helm und frisch aufgeladene Akkus für seine Geräte – dann los. Ist er gut und schnell und ordentlich, dann wird schon irgendeiner der Kollegen am dritten Tag oder so zum Chef gehen und Meldung machen: ‚Chef, da ist einer, der heißt Uwe. Der ist gut. Hast du den geschickt oder was?‘

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Ich hatte noch nie einen schriftlichen Arbeitsvertrag in Kanada. Jetzt im Sommer arbeite ich wieder bei einem Freizeitveranstalter – wir machen Kanutouren auf dem North Saskatchewan River. Auch hier kein schriftlicher Arbeitsvertrag. Urlaubs- und Feiertage sind gesetzlich geregelt und Geld gibt’s vereinbarungsgemäß alle vierzehn Tage.

Das Arbeitsverhältnis wird, wenn man so will, besiegelt durch die Paystubs, die regelmäßigen Gehaltsmitteilungen. Und das war’s dann auch schon. Steuern, Sozialabgaben – alles drauf. Damit rennt man im Folgejahr zu seinem Taxman – schlaue Füchse machen das flux selbst am PC – und gegebenenfalls gibt’s Geld zurück vom Big Brother in Ottawa.

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6000 PS, 16 Zylinder, Siemens hat’s gebaut

Das einzige, was sich der gewissenhafte Chef in der Regel von dir als neuen Arbeitnehmer geben lässt, ist die Social Insurance Number. Diese darf kunterbunt aussehen, nur mit einer ‚9‘ darf sie auf Dauer nicht anfangen. Neun heißt: Der Typ hat nur eingeschränkte Arbeitserlaubnis in Kanada. Er ist ein temporary worker, er muss nach Ablauf seines Visums wieder in den Flieger steigen. Wir waren anfangs auch Neuner-Menschen, mittlerweile sind wir Sechser-Menschen. Sechs für ‚lebt in der Provinz Alberta und darf bleiben.‘

Have a Good One – Whereever You are.

 

 

 

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