Der breite Grad

Herbert Grönemeyer würde es so formulieren: Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser als man glaubt.

Was für den Einen seine Heimatstadt Bochum, ist für den Anderen der 49. Breitengrad – zumindest was das Tief im Westen anbelangt. Denn im Westen wird Kanada von seinem südlichen und einzigen Nachbarn mit dem 49. Breitengrad getrennt, eine lange gerade Linie von den Großen Seen bis zum Pazifik.

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Der wilde, wilde Westen, fängt gleich hinter Hamburg an …

Du bist Trucker und überquerst diese Linie im Schnitt einmal wöchentlich, entweder hoch-runter oder runter-hoch. Und da sich für alles, was wir oft und wiederholt tun, eine Routine entwickelt, hast du auch für den Eintritt in die US-amerikanische Umlaufbahn eine ausgefeilte Herangehensweise herausgearbeitet.

Aber nochmal zurück zu der Zahl 49

Eine schöne, elegante, zweistellige Dezimalzahl, die hier jetzt stellvertretend für sämtliche Zahlen zwischen 21 und 98 herhalten muss – ausgenommen diejenigen, die als erste Stelle eine Null haben und solche, deren erster und zweiter Zähler identisch sind. Alles klar?

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Neunundvierzig also. In der deutschen Sprechsprache kommt erst die zweite Dezimalstelle, dann die erste. Im Englischen genau umgekehrt: Forty-Nine. Gerätst du nun in die Verlegenheit, vom deutschen Sprachraum in den englischen rüberzumachen – sagen wir mal länger als nur mal zur Vorweihnachtszeit nach New York City -,dann kann es in deinem gutsortierten Sprachzentrum zu kleinen bis mittleren Dissonanzen kommen. Und glaube mir:

Die zweistelligen Zahlen sind die ersten, die dabei über Bord gehen.

Beispiel: Du fragst deine Tochter – Muttersprache deutsch, Instagram-WhatsApp-Snapchat-Facebook-Netflix-Sprache englisch –, wieviel Prozent sie in ihrer Chemieprüfung vom letzten Donnerstag erzielt hat. Du fragst auf Deutsch, sie antwortet auf Deutsch: ‚Neunundvierzig Prozent.‘

Unter fünfzig Prozent? Das entspricht einer glatten Fünf – durchgefallen! Und während sich bei dir der Blutdruck erhöht, fragst du nochmal. Sicher ist sicher.

‚Like Forty-Nine or Ninety-Four?‘

‚Dad, what’s wrong with you? Relax, for God’s sake. I passed big time. N-i-n-e-t-y-F-o-u-r percent! No worries, okay!?’

Na dann ist ja alles klar. Danke fürs Gespräch. Und bevor du deine Tochter einmal mehr für die gewissenhafte Aussprache mehrstelliger Zahlen in Deutsch interessieren kannst, sind schon wieder drei Snapchat-Fotos von ihr online gegangen.

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Wenn sich noch ein paar Buchstaben verabschieden, dann lohnt sich das Lesen auch nicht mehr.

Aber wo waren wir doch gleich? Ach ja, der 49ste Breitengrad. Nicht zu verwechseln mit dem 94sten – kleiner Kalauer an dieser Stelle.

Unser kleines Szenario sieht also so aus: Du kommst aus Kanada und willst zum Nachbarn.

Als Deutscher brauchst du Pass, ESTA und I-94. Letztere sind Eintrittskarten in die USA, die die Staatskasse aufbessern und alle guten US-Bürger vor gefährlichen Terroristen schützen. Dein Job ist es zunächst, zu prüfen, ob deine Dokumente noch gültig sind.

Da du mit dem Truck kommst, brauchst du zudem ein ACE von deinem Dispatcher. Noch ein Stück Papier, was sicherstellt, dass weder du noch dein Truck noch deine Ladung etwas Dunkles im Schilde führen, während du dich im gelobten Land aufhälst.

Nachdem du den letzten Text und das letzte Telefonat mit den Lieben daheim vor dem Grenzübertritt erledigt hast, stellst du dein Data auf dem iPhone ab. Sonst droht das Armageddon der Neuzeit: Roaming Charges!

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Nebraska: Das schöne am Heartland ist, hier grüßt jeder, der dir entgegenkommt. Selbst der Sheriff in seinem Cruiser..

Du könntest dir natürlich deinen kanadischen Mobile-Vertrag für die USA aufblasen lassen. Du aber hältst dich für besonders schlau und hast eine günstigere Methode ausgetüftelt: Ein Wegwerf-Phone, nur für die USA, mit einer Vorwahl aus Central Nevada. Weil da hast du das Ding im Walmart gekauft. Ist viel günstiger und kann auch Internet.

Du checkst noch schnell den Inhalt deines On-Board-Kühlschranks: Nichts Frisches dabei. Wenn doch: Her mit dem Kassenbon, der beweisst, dass du die Äpfel oder den Fertigsalat in den USA gekauft hast. Kommt oft vor, da du ja ständig über diese Grenze rübermachst. Nur unter Vorlage dieses Kassenbons bleibt der Officer an der Grenze cool, andernfalls kannst du das Zeug gleich bei ihm lassen.DSCF2415.JPG

Und was hat der geneigte Nordamerikaner während der vergangenen drei Tage über Deutschland erfahren können?

Zwei Dinge: Erstens werden Kasernen der Bundeswehr nach illegalen Wehrmachtssymbolen durchsucht. Es hätte in der jüngsten Vergangenheit Anlässe gegeben, die darauf schließen lassen, dass Soldaten der Bundeswehr rechtsradikal seien. Zweitens wird in Deutschland gebietsweise das Grünlicht ersatzlos abgeschafft, die Ampeln haben dann nur noch Geld- und Rotlicht. Viele Fahrer seien verwirrt.

Have a Good One – Whereever You are.

2 Gedanken zu „Der breite Grad

  1. Rolli

    Falsch, alles falsch! In Deutschland werden die Grünen abgeschafft (siehe Landtagswahl in NRW). Verwirrt ist höchstens die Linke, weil gerade so an der 5% Hürde gescheitert.
    Bei der Bundeswehr wird jetzt aber erst mal so richtig aufgeräumt! Wir haben nix mit der Wehrmacht zu tun, damit das mal ganz klar ist. Wer will auch damit was zu tun haben, die haben doch den Krieg verloren…..

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    1. Steve Autor

      Leider waren diese beiden Nachrichten alles, was über Deutschland vergangene Woche im Mittleren Westen im Radio kam. Direkt nach den aktuellen Auktionspreisen für ein Stück Kuh in Omaha, Nebraska.

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