Kanadier mit Migrationshintergrund

Kanada wird in diesem Jahr 150 Jahre alt. Und weil das so großartig ist, gibt’s in diesem Jahr ausnahmsweise freien Eintritt für unsere Nationalparks. Wenn du also schon immer mal kanadisch wolltest: In diesem Sommer geben wir uns besonders anwenderfreundlich.

Endlich kannst du dich persönlich überzeugen, wie groß so ein Elchbulle in natura ist. Oder wie lecker so eine typisch-kanadische Poutine bei McDonalds schmeckt und warum es gar nicht so schwer ist, auf ein lockeres ‚Eh – how is it going?‘ mit einem ebenso lockeren ‚Eh – it’s going. And you?‘ zu antworten.

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150. Geburtstag – da darf man schonmal ein bisschen trommeln

Wir haben es also getan – wir sind jetzt Beibehaltungsantragsteller. Wir wollen Beibehalter werden. Besser jetzt als später, denn nach dem Wahlergebnis in der Türkei hat die Bundesregierung ja noch weniger Lust auf die Zuerkennung einer doppelten Staatsbürgerschaft. Einige Parteien überlegen bereits, genau das zum Wahlkampfthema zu machen. Und was für den in Wuppertal-Elberfeld geborenen Türken gilt, gilt auch für den kurz vor den Canadian Rockies lebenden Deutschen. Zukünftig droht einmal mehr das elfte Gebot:

Du sollst keinen Pass neben dem mit dem Adler haben.

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Öfter mal links abbiegen …

Für die kanadischen Behörden ist das alles kein Thema; eine doppelte Staatsbürgerschaft ist hier so selbstverständlich wie der Double-Double bei Tim Hortons (doppelt Zucker, doppelt Sahne – tust du mal probieren, is voll legga). Nach deutschem Recht jedoch ist der Zweitpass eine Ausnahme, demzufolge muss der Beibehaltungswillige einen – du ahnst es schon – Antrag stellen. Und der ist etwas umfangreicher als der Antrag auf Mitgliedschaft im ortsansässigen Blechbläser- und Alphornverein. Es muss klarwerden, dass das Leben in der Wahlheimat ohne entsprechende Staatsbürgerschaft individuelle Nachteile mit sich bringt. Zudem muss es Gründe geben, warum der Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft ziemlich schade wäre für den willigen Beibehalter. Beides nicht so einfach.

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Blüh‘ im Glanze dieses Glückes – wer will schon ohne?

Mein damaliger Fahrlehrer für den nordamerikanischen Trucker-Führerschein, zugewandert aus England, pflegte zu sagen: „Da sind erst einmal die First Nations, die Indianer. Is klar, oder? Dann die Second Nations – waschechte Kanadier eben, mindestens zweite Generation. Und dann gibt es uns: Third Nation. Wir können uns ganz hinten anstellen, verstehst du? Und du … du bist ja obendrein auch noch einer von den Krauts.“

Dann ist da ja auch noch die emotionale Sache mit der Staatsbürgerschaft. Und emotional wird’s schnell: Die Audi-Werbung etwa; dieser Slogan Vorsprung durch Technik, den die Macher für den nordamerikanischen Absatzmarkt einfach rotzfrech im Original stehen lassen. Das Gleiche bei VW, wo die beste Wolfsburg-Bariton-Stimme am Ende das ultimative Mantra spricht:

Volkswagen – das Auto.

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Oder tagesschau.de: Der erste Satz in dieser täglichen Sendung, den gibt es schon seit 1952. Unverändert – und das macht ihn so heimat-lastig wie keinen anderen Satz.

‚Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau.‘

Mit diesem Satz sind wir alle großgeworden – oder etwa nicht? Dieser Satz trieft vor Identität und Zugehörigkeit zu dem Land, wo wir herkommen. Auch deswegen, weil in den anschließenden fünfzehn Minuten alles kommt, was zählt.

Kennst du noch die ZDF-Hitparade? Dieter Thomas Heck und sein ‚Hier ist Berlin‘ – ein typisch deutsches Schmankerl der Fernsehgeschichte. Berlin war zu dieser Zeit West-Berlin, zumindest für diejenigen, die das ZDF empfingen, ohne dabei die Vorhänge zuziehen oder den Ton dimmen zu müssen. ‚Hier ist Berlin‘ war immer auch ein Ausruf: Wir sind noch da! Schwer zu sagen, warum, aber als gebürtiger West-Berliner und mittlerweile Auslandsdeutscher bleiben solche Schnacks hängen. Ein Leben lang.

Die doppelte Staatsbürgerschaft ist wie die Tastenbelegung auf deinem Laptop: Schreibst du in Deutsch, so wie jetzt, dann Qwertz. Schreibst du in Englisch, weil kommt vor, dann Qwerty. Ä, Ö und Ü und auch das schnuckelige ß fehlen als Tasten auf meinem Laptop. Aber ich werde niemals vergessen, wo sie sind. Genauso wie Berliner Gören niemals vergessen werden, wo einst die Mauer stand.

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Have a Good One – Whereever you are.

2 Gedanken zu „Kanadier mit Migrationshintergrund

  1. Rolli

    Identität ist eben wichtiger als man glaubt. Ich identifiziere mich ja gleich so doll mit meinem Land, das ich ihm diene (oder nur der Idee dieses Staatssystems?) Hattest du doch auch mal gemacht, nicht wahr Herr Olt?

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