Albertas Körperwelten

So ein kanadischer Trucker-Führerschein ist ja nicht unendlich lange haltbar. In meiner jetzigen Altersklasse – also zwischen ‚Gibt Schlimmeres!‘ und ‚Komisch, da hat’s mir noch nie wehgetan‘ – ist er gültig für zwei Jahre. In ein paar Jahren nur noch für zwölf Monate. Zum Erneuern geht’s erst zur Trucker-Truppenärztin und wenn die ihr Go gibt geht’s weiter zur Führerscheinstelle.

Und die haben sich jetzt was Neues einfallen lassen:

Do you want to donate your body or just parts of it?

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Idaho

Schluck! Da wirst du – volle Breitseite und mitten ins Gesicht – mit der Frage bombardiert, was mit deinem Körper passieren soll, wenn’s vorbei ist. Eiskalt, ohne Vorwarnung. Und nicht, dass wir uns da falsch verstehen: Bei der Führerscheinstelle ist es weniger wie ein vertraulicher Termin beim Notar. Eher schon wie beim Aldi an der Kasse: Anstellen – Vorrücken – Bezahlen – Tschüss.

Und dann diese Frage nach deinen Körperteilen. Schnell aus der Hüfte geschossen, wenn du an der Reihe bist. So nebensächlich und selbstverständlich wie die Frage, ob du für deine Einkäufe eine Tüte haben willst.

Wenn du Ja sagst, und ich meine jetzt nicht zur Aldi-Tüte, dann schiebt sie dir ein Formblatt und einen Kugelschreiber rüber. ‚Zutreffendes ankreuzen und dann hier unterschreiben.‘ Sie klackert mit dem lackierten Nagel des Zeigefingers auf die entsprechende Stelle.

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California. Morgen gibt’s Süßkartoffeln hinten rein.

Etwa zwanzig Leute warten hinter dir, um ebenfalls ihre Führerschein-Angelegenheiten zu erledigen und du stellst dir zum ersten Mal in deinem Leben die Frage, was mit deinen Teilen passieren soll. Und: du sollst hier und jetzt dazu eine verbindliche Erklärung abgeben.

Das sorgt für leichte bis mittlere Perspiration unter den Achseln und vielleicht auch anderswo.

Du kannst einzelne Körperteile ankreuzen, die von der Weiterverwendung ausgeschlossen sein sollen. Augen, Haut, Niere oder vielleicht das Herz? Du kannst wählen, ob du deine Teile der Forschung zur Verfügung stellst oder nur als Ersatzteillager eingeplant zu werden wünschst.

Keiner hat dich auf diese Fragen vorbereitet. Du fühlst dich wie damals auf dem Zehn-Meter-Brett im Freibad um die Ecke: Soll ich oder soll ich nicht? Immerhin geht es um das, was dich ausmacht. Deinen Körper, dein bestes Stück. Du hast nur diesen einen, auch wenn du ihn eines Tages nicht mehr brauchst. Dir gehen Szenen von Hörsälen durch den Kopf, voll mit Medizinstudenten, die beim Aufschneiden von bleichen, fetten und schweren Leibern angewidert die Nase rümpfen und mit unkaschierter Verachtung die Augenbrauen nach oben ziehen.

Natürlich fällt die Hübscheste der Studentinnen – sie hat es mit einem wirklich dicken Exemplar mit extrem kleinem Penis zu tun – beim Sezieren in Ohnmacht.

Oder du denkst daran, wie irgendein unterbezahlter Notarzt über deinem toten aber noch warmen Körper kniet und mit zwei Krankenhäusern gleichzeitig am Telefon über deine ‚Die-sieht-für-sein-Alter-noch-ganz-gut aus‘-Leber verhandelt, während ihm noch etwas Saft aus einer vergeblich angebrachten Blutkonserve ins Gesicht spritzt.

Ich kann mich erinnern, ich war damals, lang-lang ist’s her, bei einem Ehevorbereitungs-Gespräch. Etwas verstaubt kam mir das alles vor, aber der junge Geistliche war voll in seinem Element. Ich musste mir Fragen zu meiner Fruchtbarkeit, oder wie die das nennen, gefallen lassen. Ganz großes Kino.

Ich kann mich auch an umfassende Beratungen bei größeren Anschaffungen erinnern. Auto, Haus, Hund, Selbständigkeit, sowas eben. Oder die Vorlaufzeit, die es braucht, bevor man als Familie alles hinter sich lässt und nach Kanada auswandert.

Mein Punkt ist, für die wichtigen Dinge im Leben will man sich vorbereiten, will informiert sein. Und nun die Frage nach deinen Körperteilen. Zu beantworten im Stehen, mehr oder weniger öffentlich, unter nicht wegzuleugnenden Zeitdruck. ‚Houston, we have a situation‘ oder so ähnlich.

Ich hab’s dann trotzdem getan.

Nicht für die Medizinstudentinnen – seien sie auch noch so hübsch –, aber für den Ersatzteilbedarf. Wenn es noch zu gebrauchen ist, dann bitteschön nehmt reichlich. Als Schulterklopfer für den Held gibt’s dieses schnuckelige Herzchen auf dem Führerschein. Und das Gefühl, vielleicht das Richtige getan zu haben.

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Have a Good One, Whereever You are.

 

 

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