Ten-Four

Du wolltest schon immer wissen, wie so ein strunznormaler Montag für einen Trucker aussieht!? Eigentlich nicht sehr viel anders als ein strunznormaler Dienstag.  Aber gut, nehmen wir doch mal den gestrigen Montag:

Sieben Uhr Wecker und das erste, was du fühlst, ist leichtes Hohlraumsurren in der Birne. Sie hieß Apothic, war rot, ein Blend von Merlot und Cabernet Sauvignon. Sehr lecker. Da brauch es erst einmal ausgiebiges Zähneputzen und ein paar Minuten Frischluft und schon ist das Surren kein Thema mehr.

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Das Baby

Du bist in Calgary und Dispatcherin Cindy – die meisten Cindys auf dieser Welt kommen übrigens nicht aus Marzahn – hat dir zwei Dead-Head-Trailer zur Auswahl gegeben, um einen davon nach Lethbridge im Süden von Alberta zu ziehen. Dead Head meint, die sind leer. Spielt für dich aber keine Rolle: Du wirst nach Meile bezahlt, egal ob leer oder beladen.

In Lethbridge steht deine eigentliche Ladung bereit: Rindfleisch für einen Ort namens Wilder, Idaho. Ein netter Nachtmensch hat den entsprechenden Trailer vom Belader bis hierher gezogen und dir damit etwa 300 Kilometer erspart. Macht Sinn, denn deine zulässige Wochen-Fahrzeit ist schon ziemlich ausgereizt und so hattest du im Vorfeld schon mal ein wenig in den Telefonhörer gewimmert, dass das ohne die Hilfe eines Nachtmenschen mit der Ladung nach Wilder nix wird. Haben die beim Dispatch auch gleich eingesehen.

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Bevor du dir den – Achtung Wortspiel! – wilden Wilder-Trailer hinterschnallst, geht’s noch flux in die Bastelstube nebenan: Dein Truck braucht ein neues Sattelitensystem, und da müssen die ein wenig Hardware verbauen. Zuerst will der Schrauber nicht, kommt dir mit ‚Actually we don’t …‘ und ‚Actually my lunch break …‘ und ähnlichen Kindergarten-Spielchen. Da muss man gleich gegenhalten, soviel hast du schon begriffen. Wenn dir jemand mit ‚Actually …‘ kommt, musst du den Mut zur Lücke haben. ‚Actually‘‘ signalisiert, da ist Spielraum vorhanden.   

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Letztens in Wisconsin beim Mäcces: separater Eingang für die, die nicht durch den Drive-Through passen

Nachdem das geklärt ist, erfährst du, dass der Einbau etwa eine Stunde dauert. Prima, das passt. Du rüber zur Trucker Lounge mit den unverschämt gemütlichen Chefsesseln, um Social Medias und sonstige Spielereien zu erledigen. Neben dich setzt sich ein Typ, den du nicht kennst, der nichts sagt, der irgendwie riecht, aber nicht nach Trucker, der unentwegt mit seiner Chips-Tüte rumknistert und mit offenem Mund kaut. Sowas nervt, oder? Als er die Tüte endlich leergefuttert hat, fängt er an zu schnaufen. Kein einziges Mal guckt er in sein Handy rein. Ist doch verdächtig, oder? Womöglich hat er gar keins.

Das neue Sattelitensystem ist eingebaut und glänzt erstmal durch Anwesenheit. Sonst nichts. Wird erst in Betrieb genommen, wenn alle Trucks aus deinem Stall das Ding haben. Schade eigentlich, das kann noch dauern.

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Du also ready-to-go, willst deinen Idaho-Trailer hinterschnallen und … das Ding ist weg. Wo vorhin noch der Trailer stand steht jetzt keiner mehr. Sowas erhöht den Blutdruck. Manchmal mehr, manchmal weniger. Du musst bis vier Uhr nachmittags die Grenze zu den USA passiert haben, weil dann der Meat Inspector dort in den Wohlverdienten geht. Du führst kanadisches Beef in die USA ein, also muss der Meat Inspector da drauf gucken. Das war aber schon vor Trump so, nur mal so nebenbei.

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Hier noch Chillen auf der Weide …

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Hier schon für $4 pro Meile unterwegs!

Es ist bereits zwei Uhr, bis zur Grenze sind es schlappe 100 Kilometer, die Zeit wird knapp. So ein Trailer ist 53 Fuß lang und über vier Meter hoch. Den kann man schlecht hinter einem geparkten Twingo verstecken.

Du findest ihn schließlich im Shop, wo der TÜV-Scherge sein Ding mit ihm macht.

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Ist es eigentlich Totonka oder Tatonka? Hier in Montana.

Du: ‚Das ist mein Trailer mit meiner Ladung. Und ich müsste dann auch mal bald los.‘

Herr TÜV: ‚Der ist auf meiner Liste für heute. Interessiert mich nicht, ob beladen oder leer. Bin auch gleich fertig.‘

Das ist er dann auch. TÜV real quick …

An der Grenze hast du den Officer, den es nur mit Sonnenbrille gibt und zudem auch nur im Stehen. Du kennst ihn und er kennt dich. Naja, vom Sehen her. Vielleicht sitzt er nicht aus Fitness-Gründen, vielleicht drückt ihm beim Sitzen sein Cevlar-Jäckchen in die Weichteile – man weiß es nicht.

Aus dem bunten Potpourri an Fragen, die einem an der Canada/USA-Grenze gemeinhin gestellt werden, wählt der Officer heute für dich nur eine aus: ‚Du allein im Truck?‘

Du sagst: ‚Nein, ich habe zwei Mexikaner versteckt, die mit dem Tretboot nach Kanada gestrampelt sind und nun über die nördliche Grenze in die USA einreisen wollen, um sich als Immobilienmakler in Wyoming zu versuchen.‘

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Stau im Gegenverkehr? In diesem Fall demonstrierten Indianer für Landrechte, und das mitten auf der Autobahn.

Nein, sagst du natürlich nicht! Aber gut, wo waren wir stehengeblieben?

Ach ja, die Meat Inspection. Dort wirst du empfangen mit: ‚Hey buddy, what’s new?‘ Du sagst: ‚Same place, different day.‘ – ‚You betcha.‘  So oder so ähnlich geht das hier, man kennt sich. Es ist ein kleiner Grenzübergang und wer regelmäßig kommt, gehört irgendwann dazu.

Der Tag endet in Butte, Montana. Auf dem Ritt dahin gibt’s James Pattersons ‚Unlucky 13‘ als Hörbuch. Zwischendurch die Stones und den Boss auf die Ohren, die tun richtig gut. Das Fahren geht wie von selbst, der Winter mit seinem Eis und Schnee ist endgültig erledigt. Es soll ja sogar Leute geben, die bei den Stones so richtig auf- und vor allem abdrehen und während der Arbeit auch noch Luft-Schlagzeug spielen. Leute gibt‘s …

Ach ja, die Überschrift: Ten-Four heißt im Trucker-Schnack ‘Alles klar’ oder ‘Okay’ oder einfach ‘Ja, verstanden‘. Wird im Funkverkehr gerne benutzt. Soll von den Cops kommen, die – wie wir aus Lethal Weapon, Die Hard und sowas kennen – für alles Mögliche ein Zahlenkürzel verwenden.

Have a Good One – Whereever You are.

 

 

 

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